Schwurbel-Neustart in Rathenow

In Rathenow setzte heute eine Heilpraktikerin die Corona-Proteste fort, nachdem es zuletzt Streit um einen rechten Anmelder gab. 40 Menschen demonstrierten für „Freiheit und Menschlichkeit“. Doch auch die AfD war wieder vor Ort.

2020.05.30 Rathenow Corona Proteste
Neuauflage der Corona-Proteste
Ein großes, gleichseitiges Dreieck füllt den überwiegenden Teil der Grundfläche des Platzes der Freiheit in Rathenow aus und bildet das Fundament eines Denkmalensembles. „Den Opfern des Faschismus zu Gedenken – der Nachwelt zur Mahnung“, ist dort auf Steintafeln, direkt vor dem Kreishaus zu lesen. Doch um „Faschismus“ und „Antifaschismus“ schien es einer sich heute dort aufhaltenden Gruppe von Menschen nicht zu gehen . Nicht „rechts“ und nicht „links“, sondern gemeinsam wollten sie am Nachmittag gegen Kontaktbeschränkungen im Rahmen der Corona-Pandemie und symbolisch vor allem für mehr Freiheit protestieren, so jedenfalls die Ansage der Veranstalterin bei der Eröffnung ihrer Versammlung. Bei vorangegangenen Protesten hatte allerdings noch der Chef des extrem rechten „Bürgerbündnisses Havelland“, die Versammlung angemeldet. Mit ihm waren jedoch nicht alle Versammlungsteilnehmenden einverstanden.
Heilpraktikerin organisierte Kundgebung
Unter dem Motto: „Gemeinsam für Freiheit und Menschlichkeit“ hatte heute nun eine Heilpraktikerin aus Havelaue OT Strohdehne die Zusammenkunft initiiert. Die Freiberuflerin betreibt ein Geschäft mit Fastenkursen und spirituellen Sitzungen, vermietet darüber hinaus Zimmer an Seminargruppen. Durch die Pandemie-bedingten Kontaktbeschränkungen war sie zumindest zeitweise in ihrer unternehmerischen Freiheit eingegrenzt. Denn weder konnte sie bis vor Kurzem noch Kunden empfangen noch Zimmer vermieten.

Viel Schwurbelei
Doch die wirtschaftlichen Einschränkungen erwähnte die Geschäftsfrau während ihre Rede tatsächlich nur beiläufig. Hauptanliegen ihres Wirkens war es, die Versammelten von der (spirituellen) Stärkung des Immunsystems zu inspirieren und gleichzeitig gegen die – aus ihrer Sicht – übertriebene Vorsichtsmaßnahmen gegenüber der in der Region angeblich kaum verbreitete Coronavirusinfektion zu protestieren. Damit lag sie in etwa auf auf der Wellenlänge eines Kräuterhändlers aus Havelaue OT Wolsier, welcher als nächstes redete. Der Mann stellte die Corona-Maßnahmen ebenfalls in Frage und bezweifelte die Kompetenz der Virologen. Er zitierte selbst recherchierte Erkenntnisse, demnach mehr Patienten durch die Kontaktbeschränkungen – weil sich um sie angeblich nicht mehr gekümmert wurde – gestorben seien, als durch vom Coronavirus Infizierte. Die Maske, welche seit geraumer Zeit als Infektionsschutz in öffentlichen Räumen getragen werden muss, sei außerdem ein “Maulkorb” für entmündigte Bürger. Ähnliche Ansichten vertrat der Mann auch zum Impfschutz, welchen er ebenfalls ablehnte.
Lediglich eine junge Frau, mit einer aus goldfarbener Folie geknüllten Bommel um den Hals, beklagte die für sie negativen wirtschaftlichen Folgen. Als Freiberuflerin drohe ihr nun “Hartz IV”, weil sie momentan nicht mehr als Clown auftreten könne. Anschließend spielte sie auf ihrer Ukulele: “Die Gedanken sind frei” und “we shall overcome”, Lieder von Friedens- und Bürgerrechtsbewegungen.
AfD versuchte an Proteste anzudocken

Auch die AfD – unter anderem in Gestalt des Stadtverbandsvorsitzenden – gesellte sich unter die Versammlungsteilnehmenden. Mit Odin-Shirt und einer Maske, welche die Aufschrift “Nein zum Impfzwang“ trug, setzte sich der Mann deutlich in Szene. Später ergriff er sogar das Wort und sprach über zunehmenden Drogenkonsum in der Stadt, Depressionen und sein Leben als trockener Alkoholiker. Das kam bei der Heilpraktikerin gut an, die Versammlungsleiterin nahm ihn gegen einen Buh-Rufer in Schutz.
Darüber hinaus war das Bürgerbündnis Havelland durch den stellvertretenden Vereinsvorsitzenden vertreten. Andere zeigten, beispielswiese durch Fanshirts, Sympathien zu bekannten Verschwörungserzählern.

weitere Fotos: hier