Frustration in Jüterbog

Auch in Jüterbog versuchen Rechtsextreme Proteste gegen Corona-Maßnahmen für ihre Zwecke zu nutzen. Doch ihre Versammlungen zünden nicht wie geplant, auch weil Reporter schnell kritisch berichten. Das macht die Presse nun zum Ziel rechter Frustration.

Reporter im Visier: Kundgebung gegen Corona-Maßnahmen in Jüterbog

Versammlung gegen Corona-Beschränkungen

Kein Windzug ist in Jüterbog zu spüren als am Freitag unter bedecktem Himmel langsam der frühe Abend anbricht. Der historische Ortskern der mehr als tausend Jahre alten Brandenburger Kleinstadt im Süden des Landkreises Teltow-Fläming wirkt menschenleer. Doch ab 18.00 Uhr kommt ein wenig Bewegung in die ländliche Idylle. Vor der Mönchenkirche, einem Sakralbau aus der Backsteingotik, in welchem heute die Stadtbibliothek untergebracht ist, sammeln sich einige Menschen. Sie diskutieren über die aktuellen Infektionsschutzmaßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie bzw über Kontaktbeschränkungen zur Bekämpfung dieser.
Im Internet hatte der „Jüterboger Bürgerstammtisch“ zu einer Versammlung im Kontext dieses Themas aufgerufen. „Friedlich und Freundlich für Freiheit“ sollte das Motto der Zusammenkunft sein.

Pöbeleien gegen Reporter

Doch mit Friedlichkeit und Freundlichkeit ist es alsbald vorbei als ein Mann und dessen Begleiterin zur Versammlung dazustoßen. Sie haben sofort den einzigen Reporter, welcher am Abend über die Veranstaltung berichten wird, im Visier. Sein Name und seine Adresse werden von den Beiden lautstark zu den Ohren der anderen Versammlungsteilnehmenden getragen. Sofort kippt die Stimmung, die Versammelten fühlen sich beobachtet und überwacht, bevor überhaupt  ein Foto gemacht und eine Zeile geschrieben wurde. Der Reporter und sein Begleiter werden bedrängt, an ihrer Arbeit gehindert und offenbar mit Handys aus vielerlei Positionen abgefilmt. Einzelne pöbeln und beleidigen. Die einzige Polizeibeamtin, welche vor Ort ist, hat zunächst Mühe die Wütenden zurückzuhalten. Die Demonstrierenden versuchen sie für sich zu gewinnen, behaupten das Porträtfotos angefertigt wurden und zweifeln die Authentizität des Reporters an. Doch die erfahrene Polizistin lässt sich nicht so einfach instrumentalisieren. Nach Kontrolle des Presseausweises hat sie das Spiel der Versammelten durchschaut,  fordert Verstärkung an und hält die „Wutbürger“ auf Distanz.

Rechtsextremer Hintergrund

Die Ungehaltenheit der Versammlungsteilnehmenden hat einen Grund. Einige haben eine extrem rechte Vergangenheit. Arne Dirksen, Anmelder der Versammlung bezeichnet sich beispielsweise selber als ehemaliger „Nationaldemokrat“. Er sei Mitglied der NPD gewesen und habe diese verlassen, weil er sich mit anderen Parteimitgliedern nicht mehr verstanden hatte. Seine Gesinnung soll aber gleich geblieben sein. Und all zu lange scheint sein Abgang aus dem organisierten rechtsextremen Milieu noch nicht her zu sein. Im August 2017 marschierte Dirksen noch bei einem Neonazi-Aufzug mit, der offensichtlich zum Andenken an den in Nürnberg verurteilen NS Kriegsverbrecher Rudolf Heß durchgeführt wurde.
Zu Dirksens Versammlung am gestrigen Abend gesellte sich im weiteren eine Gruppe junger Männer, welche im Gefolge des ehemaligen stellvertretenden Bundesvorsitzenden der NPD Jugendorganisation „JN“, Pierre Dornbrach, auftraten.
Und dann war da noch der Mann und seine Begleiterin, von welchen die Anfeindungen gegen den Reporter ausgingen. Sie nahmen bereits am 13. April 2018 an einer Kundgebung der flüchtlingsfeindlichen Initiative „Zukunft Heimat“ in Jüterbog Teil – eine Versammlung welche auch der Reporter besuchte. Auf einem Übersichtsfoto des Pressevertreters sind die Beiden mitten im Versammlungsgeschehen zu erkennen.

Berichterstattung unerwünscht

Der Reporter berichtet regelmäßig über Versammlungen, schreibt für den Störungsmelder, einem Onlineformat des Magazins „Die Zeit“ oder verkauft Fotos an Rundfunkanstalten oder Tageszeitungen. Die Berichterstattung stört vor allem Rechtsextreme. Auf einer Internetseite unter dem Titel „Anti Antifa Germany“ wurde der Reporter zusammen mit weiteren Journalisten beispielsweise mit Name und Foto auf einem fahndungsähnlichen Aufruf als „Antifa-Fotograf“ abgebildet. Ein paar Klicks weiter findet sich dann auf der selben Seite die „offzielle Kriegserklärung an die Antifa“. Die Drohabsicht der Internetseite ist angesichts der letzten Mordanschläge extrem rechter Akteure unübersehbar.

Resümee

Bezüglich der Veranstaltung in Jüterbog ergibt sich nun folgendes Bild:
Eine Initiative, in der auch Rechtsextreme mitmischen, möchte an die Proteste gegen die Pandemie bedingten Kontaktbeschränkungen andocken. Doch ihr Mobilisierungspotential ist gering. Von etwa 50 Sympathisierenden am Freitag, den 15. Mai 2020, bleiben eine Woche später nur knapp 30. Möglicherweise auch, weil bereits andere Journalisten über den mutmaßlichen extrem rechten Hintergrund der Veranstaltung berichteten.
So ist die Frustration über die vermeintliche Lügenpresse groß und entlädt sich schließlich am einzigen Reporter, welcher über die Versammlung berichtet.

Fotos: hier