Das Reichs-Bürgermeisterbüro zu Rathenow

In Rathenow unterhalten „Reichsbürger“ seit kurzem ein „Bürgermeisterbüro“. Dort lädt der Inhaber Interessierte zu seiner „Sinnbewegung“ ein. An dem Ort treffen sich aber auch Akteure extrem rechter Organisationen.

Vom Fleischermeister zum Reichs-Bürgermeister

2019.03.02 Rathenow Buergermeisterbuero Reichsbuerger (2)

Die Räumlichkeiten eines ehemaligen Geschäftes in der Friedrich-Engels-Straße Ecke Geschwister-Scholl-Straße in Rathenow standen jahrelang leer. Zu unattraktiv schien der frühere Eckladen zu sein, der sich in einem sanierungsbedürftigen Haus aus der Gründerzeit, in der Nähe eines stillgelegten VEB Kombinates und abseits des Hauptgeschäftszentrums in der Rathenower Neustadt befindet.

Seit kurzem ist jedoch wieder Betrieb in den Erdgeschossräumen der Gebäudeecke. Boden- und Wandbelag im Inneren wurden aufgefrischt, der Raum mit neuen Tischen, Stühlen und Bürotechnik versehen. An den großen Fensterscheiben hat der neue Inhaber Mario Schmurr den Schriftzug „Bürgermeisterbüro“ angebracht. Bürgermeister von Rathenow ist er allerdings nicht.

 

 

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Mario Schmurr ist Fleischermeister und führte in zweiter Generation eine Metzgerei in Retzow (Landkreis Havelland). Den Familienbetrieb gab er jedoch vor mehreren Monaten auf und verzog ein paar Kilometer weiter nach Nennhausen. Die Website seines ehemaligen Fleischgeschäftes nutzt Schmurr jedoch anscheinend weiterhin. Hier wird nun sein „Bürgermeisterbüro“ in Verknüpfung mit einer „Sinnbewegung Rathenow“ beworben. Allgemein verspricht diese bzw ihr Sprecher Mario Schmurr nicht näher genannte Dinge zu hinterfragen, zu klären und zu verbessern. Denn, so klingt es ein wenig weltfremd, „nichts“ sei „wie es scheint“.

Mario Schnurr gehört seit geraumer Zeit zur obskuren Szene der „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“, welche Gesetze und Verordnungen der Bundesrepublik ablehnen, um vor allem die Zahlung von Steuern, Ordnungsgeldern und Gebühren zu verweigern.

Dies wird auch auf einer anderen Website, deren Impressum explizit auf seinen Eckladen in der Friedrich-Engels-Straße hinweist, deutlich. Zwar wird auf dieser vor allem Werbung für eine käuflich erwerbbare Plüschvariante des Brandenburger Wappentiers – einem roten Adler – gemacht. Andererseits ist aber auch typische Reichsbürger Charakteristik erkennbar. Unter der Rubrik „Wieso, Weshalb, Warum“ wird dort beispielsweise gezeigt, wie die Post AG bei den Portokosten ausgetrickst werden kann. Der Hintergrund der Website enthält zudem die Bundesfarben Schwarz-Rot-Gold in reichsbürgertypisch umgedrehter Reihenfolge. Und in einem weiteren Artikel wird von der „Firma“ Polizei gesprochen. Die gültige Verfassung und die auf ihr basierende staatliche Ordnung werden indirekt in Frage gestellt. Es wird über Widerstand und eine neue Verfassung für einen fiktiven Staat „Preussen“ nachgedacht.

Treffpunkt für extrem rechtes Milieu

Die Anzweiflung der legitimen Verfassung der Bundesrepublik ist dann auch die zentrale Schnittstelle zu ideologisch handelnden Akteuren der extremen Rechten. Diese lehnen das liberale Grundgesetz der Bundesrepublik vor allem aus völkisch-nationalistischen Gründen ab. Ihr Anliegen wird lokalpolitisch in Rathenow vor allem durch das extrem rechte „Bürgerbündnis Havelland eV“ vertreten, mit dem auch Mario Schmurr und seine Partnerin in Verbindung stehen.

2018.09.10 Rathenow Kundgebung Buergerbuendnis Havelland (12)
Nur bedingt skeptisch: Mario Schmurr (2.v.r) und Iris R (1.v.r) während einer Versammlung des „Bürgerbündnisses Havelland“ im September 2018 in Rathenow

Am 10. September 2018 nahmen beide beispielsweise an einer an einer Kundgebung der Vereinigung auf dem Märkischen Platz in Rathenow teil.

2018.09.17 Rathenow Infoveranstaltung Reichsbuerger (17)
Mario Schmurr (stehend) während einer Informationsveranstaltung zum Thema „Reichsbürger“ im September 2018 in Rathenow

Eine Woche später tauchten Schmurr und R mit Akteuren des „Bürgerbündnisses Havelland“ und ähnlich gesinnter Gruppen bei einer zivilgesellschaftlichen Vortragsabend zum Thema „Reichsbürger“ auf. Dabei versuchte die Personengruppe durch eine Wortergreifungsstrategie die Versammlung zu okkupieren. Auch Schmurr meldete sich zu Wort und versuchte u.a. durch Fragen zu Ausweisdokumenten zu verwirren. Er scheiterte aber an der Souveränität des Referenten.

2019.01.10 Rathenow AfD Stammtisch
Mario Schhmurr (rechts) und Iris R (links) am 10. Januar 2019 an einer Gaststätte in Rathenow, wenige Minuten vor Beginn einer kommunalpolitischen Schulung der AfD im Wintergarten des Gebäudes

Am 10. Januar 2019 erschienen Schmurr und R, diese mit ihren Rote-Adler-Plüschtieren, bei einer kommunalpolitischen Schulung der AfD in Rathenow, an der wiederum auch die Köpfe des „Bürgerbündnisses Havelland“ Christian Kaiser, Wolfgang Hoppe und Maik Schulz teilnahmen, die gleichzeitig auch zu den Spitzen der „Republikaner“ (REP) in Brandenburg gehören. Es war die zentrale Veranstaltung zur Vorbereitung möglicher Kandidaten der extremen Rechten für die Brandenburger Kommunalwahlen im Mai 2019. Tatsächlich kündigte sich bald darauf an, dass eine gemeinsame Wahlliste aus „Bürgerbündnis Havelland“, „Die Republikaner“ und „parteilosen Bürgern“ Unterstützungsunterschriften für den Antritt zur Neubestimmung der Sitze in der Rathenower Stadtverordnetenversammlung sowie im havelländischen Kreistag sammelt.

2019.03.01 Rathenow Buergermeisterbuero Reichsbuerger (2)
Wo Marx an der Wand hängt, wird nicht immer mit Marx sympathisiert. REP Landeschef Christian Kaiser (1.v.l) und sein Vize Wolfgang Hoppe (1.v.r) im „Bürgermeisterbüro“

Und diese neue Sammlungsbewegung scheint nun im „Bürgermeisterbüro“ einen neuen Treffpunkt gefunden zu haben. Erst am Freitagabend konnte dort ein Treffen von Hauptakteuren der in dem Wahlbündnis zusammengefassten Organisationen beobachtet werden. REP-Landeschef und gleichzeitig Bürgerbündnis-Vorsitzender Christian Kaiser, REP-Landesvize Wolfgang Hoppe, Bürgerbündnis-Kassenwart Maik Schulz nahmen daran ebenso ebenso teil, wie mindestens auch Iris R.

Der hellerleuchtete Raum des Bürgermeisterbüros war an jenen Abend durch die großen, unbehangenen Fenster barrierefrei von öffentlichen Wegen einsehbar. An den Wänden prangte eine auffällige, obskure Bildkollektion. Karl Marx und Bertold Brecht hingen dort ebenso, wie Friedrich der Große. Ob die Rauminhaber allerdings auch tatsächlich die abgebildeten Personen kennen, darf bezweifelt werden. Auf der Website der Preußen-Fans Mario Schmurr und Iris R wird beispielsweise ein bekanntes Zitat von König Friedrich dem Großen dem deutschen Kaiser Wilhelm II zugeschrieben und Letzterer (statt davor Genannter) zudem noch – in frevelhafter Weise – als „Alter Fritz“ bezeichnet.

Letzte Änderung: Sonntag, 03.03.2019, 23.35 Uhr