Magdeburg: Gespenstischer „Fackelmarsch“ in zeitlicher Nähe zum 9. November

An einem extrem rechten „Fackelmarsch“ in Magdeburg beteiligten sich am Samstagabend ungefähr 500 Sympathisierende aus ganz Sachsen-Anhalt sowie Brandenburg, Sachsen und Berlin.

Zu der angemeldeten Veranstaltung hatte eine „Bürgerinitiative Magdeburg“ im Internet aufgerufen, um – eigenen Angaben zu Folge – den „Opfer(n) der Politik“ zu gedenken und für „sichere Städte“ zu demonstrieren. Die zeitliche Nähe des Versammlungsdatums zum 9. November, das auf einem Mobilisierungsflugblatt gezeigte Foto eines Neonazi-Fackelmarsches und letztendlich die eindeutigen Forderungen auf den Bannern ließen jedoch keinen Zweifel, dass die Veranstaltenden aus dem örtlichen PEGIDA-Spektrum den Schulterschluss mit dem neonazistischen Milieu suchten.

Zeitgleich zum extrem rechten Aufzug fanden eine Gedenkkundgebung für die Opfer der Reichspogromnacht sowie eine antifaschistische Gegendemonstration mit mehreren 700 Teilnehmenden statt.

Fackelmarsch für die „Opfer der Politik“

Titel
„Fackelmarsch“ für die „Opfer der Politik“ in Magdeburg

Die Sympathisierenden der „Bürgerinitiative Magdeburg“ versammelten sich ab ca. 18.00 Uhr auf dem Willy-Brand-Platz vor dem Magdeburger Hauptbahnhof. Deutlich erkennbar war, dass die extrem rechte Vereinigung „Bürgerbündnis Havelland“ aus Rathenow (Brandenburg) sowie bekannte Akteure des lokalen PEGIDA-Ableger MAGIDA die Logistik der Versammlung stellten.

Bis 19.00 Uhr, dem eigentlichen Startpunkt des Marsches, fand ein reger Zulauf von Versammlungsteilnehmenden statt und erhöhte die Personenanzahl von anfangs 50 auf letztendlich 500. Unter ihnen war ein augenscheinlich hoher Anteil Klientel des neonazistischen Milieus. Bekannte teilnehmende Neonazis stammten u.a aus Magdeburg, dem Jerichower Land, dem Altmarkkreis Salzwedel, dem Saalekreis und dem Burgenlandkreis.

Die Eröffnungsrede hielt Christian Kaiser vom „Bürgerbündnis Havelland“. Er solidarisierte sich u.a. mit der verurteilten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck, die er als „ehrenwerte alte deutsche Dame“, „Vorbild“und „Vorreiterin für ein ganz bestimmtes Them“ bezeichnete, und den in Untersuchungshaft sitzenden REPUBLIKANER und THÜGIDA-Aktivisten David Köckert. Weitere Redende waren der frühere NPD und RECHTE Funktionär Alexander Kuhrt aus Leipzig sowie der Leipziger LEGIDA-Chef Silvio Rösler. Anschließend wurden die von den Teilnehmenden mitgeführten Fackeln entzündet. Der Willy Brand Platz glich danach einem Fackelmeer.

Marschieren durften die Versammlungsteilnehmenden so jedoch nicht, da die Auflagen lediglich 50 Fackeln für die gesamte Veranstaltung zuließen. Die Übrigen mussten wieder gelöscht werden. Erst dann startete der „Fackelmarsch“ über die Hasselbach Straße und die Otto-von Guericke Straße. Richtung Hasselbachplatz.

Weitere Fotos des Fackelmarsches: hier

Zeitliche Nähe zum 9. November

2018.11.10 Magdeburg - Fackelmarsch, Blutzeugen Shirts
„Gedenken“ an die „Blutzeugen der Bewegung“ ? Neonazis während des „Fackelmarsches“ in Magdeburg

Das Datum dürfte übrigens nicht zufällig gewählt sein. Der zeitlich nahe 9. November hat eine elementare Bedeutung für das neonazistische Milieu. Auf den Tag genau fünf Jahre nach der Ausrufung der Republik im Zuge der Novemberrevolution im Deutschen Reich 1918, versuchten die Nationalsozialisten am 9. November 1923 in München die junge Demokratie wieder zu beseitigen. Der Putsch scheiterte allerdings kläglich im Kugelhagel der bayrischen Polizei. Für die 16 getöteten Putschisten initiierten die Nationalsozialisten anschließend jedoch einen pompösen Totenkult. Das Ereignis wurde als „Bluttaufe“ der nationalsozialistischen Bewegung überhöht, die „Gefallenen“ als „Blutzeugen“ heroisiert, ihnen ein eigenes Mahnmal errichtet und am 9. November sogar ein eigener Gedenktag gestiftet.

Auch der „Fackelmarsch“ am Samstag war als vermeintliches Gedenken deklariert. Gemäß Ankündigung wollte die „Bürgerinitiative Magdeburg“ an nicht näher definierte „Opfer der Politik“ erinnern. Das Motto schien dabei bewusst recht allgemein gehalten worden sein, lässt unterschiedliche Interpretierungen zu und spricht ein breites Personenspektrum im rechten Milieu an. Jedem Teilnehmenden wird es somit hypothetisch selbst überlassen, ob sich das Gedenken im Geiste an die nazistischen „Blutzeugen der Bewegung“ oder an angegriffene oder jüngst getötete deutsche Staatsbürger richtet, über welche die Internetseite der „Bürgerinitiative Magdeburg“ immer wieder via geteilte Pressemitteilungen im Vorfeld informierte. Offensichtlich war jedoch, dass die Initiatoren des Demonstrationszuges durch die Ankündigung eines „Fackelmarsches“ eben auch Neonazis anlocken wollten. Schließlich zierte den Mobilisierungsflyer ein Bildnis eines unangemeldeten Marsches maskierter, neonazistischer Fackelträger im Mai 2011 in Bautzen (Sachsen).

Der Marsch hatte somit auch einen drohenden Charakter, der durch ein weiteres historisches Ereignis am 9. November, der Reichspogromnacht vor 80 Jahren, noch verstärkt wird.

Damals hatten Angehörige nationalsozialistischer Organisationen reichsweit tausende jüdische Geschäfte und Synagogen zerstört und im Zuge der organisierten Randale mehr als hundert Menschen getötet.

Auch in Magdeburg wurden Gebetshäuser und Geschäfte von Juden angegriffen und verwüstet. Anschließend wurde die jüdische Bevölkerung in so genannten „Judenhäusern“ konzentriert und Anfang der 1940er Jahre in die Vernichtungslager deportiert.

Ungefähr 1.500 Magdeburger Juden überlebten den Holocaust nicht.

Gedenken und Protest

 

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Gedenkkundgebung zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht an der Alten Synagoge in Magdeburg

Um den extrem rechten Marschierern nicht die Deutungshoheit über den Tag zu lassen und den Opfern der Shoa zu gedenken, versammelten sich am Samstagabend ungefähr 100 Menschen am Mahnmal der zerstörten Synagoge in der Julius-Bremer-Straße. Es wurden kurze Redebeiträge gehalten und bekannte jüdische Lieder gesungen. Außerdem wurde die israelische Fahne gezeigt, Plakate der Linkspartei sowie ein Transparent der Evangelischen Jugend.

2018.11.10 Magdeburg Protest, REGINa Wagen
Die „Ravenden Europäer gegen Intoleranz und Nationalismus“ protestierten mit Disko-Musik gegen den extrem rechten „Fackelmarsch“

Eine direkte Gegenveranstaltung der „Ravenden Europäer gegen Intoleranz und Nationalismus“ (REGINa) startete dann mit ungefähr 700 Teilnehmenden am Breiten Weg mit Zielrichtung Hasselbachplatz.

Außerdem soll es, laut dem antifaschistischen Aktionsbündnis „Block MD“, zahlreiche Protesten entlang der Strecke des „Fackelmarsches“ gegeben haben.

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Hinweis:

Der Abschnitt „Fackelmarsch für die Opfer der Politik“ wurde am 12.11.2018 um 19.54 Uhr aktualisiert.

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