Rathenow: „Reichsbürger“ im Visier

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Kriminalpsychologe referiert über „Reichsbürger“ / Angst als ein Motor des Milieus / Praktische Anschauung: Lokale „Reichsbürger“ in der Diskussion

Am Montagabend lud die „Partnerschaft für die Demokratie im Westhavelland & Nauen“ zu einer Vortragsveranstaltung in den Konzertsaal im Freizeithaus Mühle in Rathenow ein. Unter dem Motto: „Warum Reichsbürger?“ gab der Kriminalpsychologe Jan-Gerrit Keil vom LKA Brandenburg einen kleinen Einblick in dieses Milieu. Die anschließende Diskussion mit der lokalen „Reichsbürger“-Gemeinde bestätigte seine Ausführungen.

Kriminalpsychologe referiert über „Reichsbürger“

Jan Gerrit Keil ist ein sehr souveräner Mensch. Er arbeitet als Kriminalpsychologe beim Landeskriminalamt Brandenburg in Eberswalde und ist sich seiner Kompetenz in jeder Minute des Abends sehr bewusst. Selbst in „stürmischen“ Phasen des Dialoges bleibt er ruhig, hört zu, überzeugt durch Fachwissen und dominiert jederzeit die Argumentation.

Seine Präsentation beginnt er, nach kurzer Begrüßung, mit zwei typischen Fallbeispielen aus dem „Reichsbürger“-Milieu. In Gardelegen tritt ein Mann mit skurriler Rechtsauffassung Mitarbeitenden des Ordnungsamtes gegenüber. In Hannover gibt sich ein Mann als „Reichskanzler“ der „Exilregierung“ des „Deutschen Reiches“ aus. Die Zuschauenden im Saal sollen sich zunächst ihr eigenes Bild machen.

Anschließend geht Keil tiefer in die Materie, erklärt die historische Entstehung und Entwicklung des „Reichsbürger“-Milieus. Benennt deren Wurzeln in der Endphase des Nationalsozialismus und beschreibt den Werdegang von einer sehr kleinen, verschworenen Gemeinschaft hin zu einem sehr breiten und heterogenen Wirkungskreis.

Im Saal selber, so scheint es, hatten jedoch die Zuhörenden bisher nur wenig mit dieser Materie zu tun. Nachdem Keil das Publikum direkt fragte, erhoben nur recht wenige die Hand. Dies verwundert auch wenig, so der Referent, weil sich „Reichsbürger“ vor allem Auseinandersetzungen mit Behörden, insbesondere Finanz- und Ordnungsämter, liefern.

Und auch wenn ihre Argumentationsmuster meist hanebüchend sind und für Dritte meist als „Realsatire“ mit humorvollem Lächeln wahrgenommen werden, geht von bestimmten „Reichsbürgern“ eine nicht zu unterschätzende Gefahr aus.

In Bayern erschoss ein „Reichsbürger“ beispielweise im Jahr 2016 einen Polizisten, nach dem dieser und weiteren Beamte bei dem Mann eine Waffenrazzia durchführen wollten.

Angst als ein Motor des Milieus

Doch was motiviert eigentlich einen Menschen, sich dem „Reichsbürger“-Milieu anzuschließen? Die Gründe scheinen meist ebenso vielfältig, wie der Wirkungskreis heterogen ist. Einzelne haben bereits eine Biografie im extrem rechten Milieu und suchen in diesem ein neues Betätigungsfeld, Andere erhoffen sich einen persönlichen Vorteil darin dem Staat die Steuerschuld oder fällige Gebühren vorzuenthalten, Einige wollen sich durch das Drucken von Fantasieausweisen bereichern und Manche suchen im Streit mit den Behörden eine neue Herausforderung in ihrem Leben als Querulant.

Vielfach, so sagt es Kriminalpsychologe Jan-Gerrit Keil, ist der Weg zum „Reichsbürger“ jedoch nicht vorherbestimmt. Grundsätzlich besteht die Gefahr, dass sich jeder diesem Milieu anschließen könnte. Denn vielfach bestimmen die Lebenssituation und das persönliche Umfeld den Weg in den Wahn.

Insbesondere Angst erscheint Keil als entscheidender Faktor. Explizit nennt er beispielsweise die „Furcht“ vor „islamistischen Terror“, die er als unmittelbare, psychologische Folgeerscheinung der vergangenen Anschläge einzelner Dschihadisten sieht.

Allerdings sei das kein Grund, so Keil, eine vermeintliche „Islamisierung“ oder einzelne „Terroristen“ als die Hauptbedrohung für unsere Gesellschaft darzustellen. Der Kriminalpsychologe hält deutliche Fakten aus der Statistik entgehen. Demnach seien beispielsweise lediglich 7% der in der Bundesrepublik lebenden Menschen muslimischen Glaubens. Und zwölf Toten durch Anschläge im Jahr 2016 würden jährlich 110.000 Tote durch Tabakkonsum entgegenstehen.

Eindringlich warnte Keil dann auch davor solche diffusen „Sorgen“ und „Ängste“ – auf politischer Ebene – ernst zu nehmen und möglicherweise in eine entsprechende Agenda mit einfließen zu lassen.

Den Appell zur Hilfe betroffener und gefährdeter Menschen – gemeint dürften hiermit die „Mitlaufenden“ sein – richtete er stattdessen an die Gesellschaft und ihre sozialen Netzwerke, an Vereine oder Freundeskreise, diesen Leuten eine Rückkehr oder ein Verbleiben in die Realität zu ermöglichen.

Praktische Anschauung: Lokale Reichsbürger in der Diskussion

Nicht jeder „Reichsbürger“ ist jedoch an einer Rückkehr in das reale Leben interessiert – das wurde zumindest auch beim gestrigen Referat wieder deutlich. Ein kleiner Teil der insgesamt 140 Vortragsgäste, schien bewusst daran interessiert zu sein die Veranstaltung zu stören.

Die ungefähr 20 Störenden aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Berlin, die im Wesentlichen als Sympathisierende der extrem rechten PEGIDA-Ableger „Bürgerbündnis Havelland“ und „Bürgerbewegung Altmark“ hinlänglich bekannt sind, fielen zunächst vor allem durch Zwischenrufe, Drohungen und kleinkarierte Kommentierungen auf. Zwei Personen dieser Gruppe filmten zudem den Vortrag offensichtlich im Live-Stream. Der scheinbar erhoffte „Skandal“ – ein Verweis aus dem Saal – blieb aber aus.

Es schien vielmehr, dass die Veranstaltenden die „Vorführung“ der lokalen „Reichsbürger“ – Gemeinde in all ihren Eigenarten beabsichtigte, um die in der Realität lebenden Bürger der Stadt recht plastisch auf die Problematik aufmerksam machen zu wollen. Sie wurden nicht enttäuscht.

Recht schnell suchten die Vorstandsmitglieder und führenden Köpfe sowie weitere Sympathisierende vom „Bürgerbündnis Havelland“ und von der „Bürgerbewegung Altmark“ nämlich die Diskussion an sich zu reißen. Mancher fühlte sich gar in einer „Verhandlung“, in der darüber entschieden würde, ob die Bundesrepublik eine Verfassung habe oder nicht.

Die Wortergreifungsstrategie der lokalen „Reichsbürger“ scheiterte jedoch kläglich an der Fachkompetenz des Referenten. Der Kriminalpsychologe hörte sich zunächst zwar alle Fragen an, entkräftete diese dann aber in einem normalen und für Jeden verständlichen Ton mit rationalen Argumenten. Selbst, als sich die Fragen wiederholten und der Wahn, in dem einige dieser Leute leben, offensichtlicher wurde, blieb er sachlich und freundlich, dominierte weiterhin souverän die Diskussion.

Letztlich gaben die eigentlich beratungsresistenten Wortführenden der lokalen „Reichsbürger“ – Gemeinde auf und verließen entnervt von selbst den Saal, während sich das Publikum über deren geistige Insolvenz ergötzte.

Weitere Impressionen zur Veranstaltung:

2018.09.17 Rathenow Infoveranstaltung Reichsbuerger (13)
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