Nordhausen: Neonazipartei inszenierte Bomben-Gedenken

2018.02.17 Nordhausen - Fackelmarsch III. Weg und Proteste (34)
Fackelmarsch des III. Weges durch Nordhausen

220 Neonazis bei Fackelmarsch des III. Weges / Einseitiges Weltkriegs-Gedenken / 300 protestierten gegen Geschichtsrevisionismus / Verbotsanträge gegen den III. Weg in Bayern

An einer Versammlung der neonazistischen Partei „Der dritte Weg“ (III.Weg) in Nordhausen (Thüringen) beteiligten sich am späten Samstagnachmittag ungefähr 220 Teilnehmende aus Bayern, Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Berlin sowie vereinzelt aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Die Veranstaltung begann zunächst als Kundgebung auf dem August-Bebel-Platz und formierte sich später zu einem Fackelmarsch. Zuvor und hatten 300 Menschen gegen Neonazis demonstriert. Die Gegenveranstaltung begann am Bahnhofsvorplatz. Dort kam es auch zu einer kurzen Konfrontation zwischen späteren Teilnehmenden der Veranstaltung des III. Weges und Neonazi-Gegnern. Die Polizei trennte die Lager. Bei den Neonazis, die am Bahnhofsvorplatz in Erscheinung traten, handelte es sich übrigens um ehemalige Funktionäre der Partei DIE RECHTE aus Thüringen. Deren thüringischer Landesverband soll sich vor kurzem aufgelöst haben.

Einseitiges Erinnern an Weltkriegsereignisse

Die Versammlung des dritten Weges wurde unter dem Motto: „Ein Licht für Dresden“ im Internet beworben und sollte vorgeblich die Luftangriffe auf deutsche Städte während des zweites Weltkrieges thematisieren. Die Veranstaltung ist als Kampagne konzipiert und soll einmal jährlich in wechselnden, während des Krieges bombardierten Städten durchgeführt werden. Im Vergangenen Jahr war beispielsweise Würzburg der gewählte Veranstaltungsort des III. Weges. Ebenso wie die fränkische Großstadt dürfte Nordhausen wegen mehrerer Bombardierungen während des Zweiten Weltkrieges in den Fokus der Neonazis geraten sein. Insbesondere der schwere Luftangriff von Anfang April 1945 mit geschätzten 8.800 Getöteten könnte hier eine Rolle gespielt haben. Derartige historische Ereignisse wurden in den letzten Jahrzehnten immer wieder von der extrem Rechten und von Neonazis für geschichtsrevisionistische Versammlungen genutzt. Initialzündung für die bundesweiten, kampagnenartigen Aktivitäten des extrem rechten und des neonazistischen Milieus waren die großen „Trauermärsche“ in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden. Dort marschierten zeitweise bis zu 7.000 Neonazis aus ganz Europa auf, um an die Luftangriffe auf die Dresdener Innenstadt im Februar 1945 zu Gedenken. Ähnlich wie dort, stand am späten Nachmittag in Nordhausen ausschließlich die einseitige Erinnerung an die Luftkriegstoten im Fokus der neonazistischen Versammlung. Über die Ursachen des Zweiten Weltkrieges und das Wirken der NS Diktatur wurde hingegen kein Wort verloren. Ein klares Signal der veranstaltenden Neonazis, denn im Stadtgebiet von Nordhausen betrieben die Nationalsozialisten von 1943 bis 1945 immerhin das Konzentrationslager Dora-Mittelbau. Mehr als 60.000 Häftlinge waren darin inhaftiert und mussten für die NS-Rüstungsproduktion Zwangsarbeit leisten. Mindestens 20.000 Inhaftierte starben dabei.

Töne der Toleranz gegen Geschichtsrevisionismus

Unter dem Label „Bündnis gegen Rechtsextremismus Nordhausen“ wurde deshalb ab 14.00 Uhr unter dem Motto: „Töne der Toleranz“ gegen rassistische, geschichtsrevisionistische und faschistische Ideologien demonstriert.

Die als Gegendemonstration zur Versammlung des III. Weges konzipierte Veranstaltung startete gegen 15.00 Uhr am Bahnhof Nordhausen und führte bis zum Sammlungsort der Neonazis am August-Bebel-Platz. Dabei wurde lautstark und in Hör- und Sichtweite zur neonazistischen Kundgebung protestiert.

Wie die thüringische Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss (Die Linke) später twitterte, soll es auch zu Blockaden gegen den Neonazi-Aufmarsch gekommen sein. Die Polizei sei daraufhin mit Pfefferspray und Schlagstöcken gegen die Blockierenden vorgegangen sein.

Diskussion über das Verbot des III. Weges

Allerdings scheinen auch die Aktivitäten des III. Weges, dessen Fackelmarsch in Nordhausen bereits im Vorfeld auf der parteieigenen Internetseite als „nationalrevolutionäre Heerschau“ bezeichnet wurde, inzwischen die Sicherheitsbehörden zu beschäftigen.

In Bayern wurden, gemäß Bayrischem Rundfunk, Anfang Februar 2018 zwei Anträge in den Verfassungsausschuss des dortigen Landtages eingebracht, die sich mit dem Verbot der Organisation beschäftigen. Allerdings weichen beide von einander ab.

Während die CSU zunächst einmal geklärt haben möchte ob es sich beim III. Weg überhaupt um eine Partei oder nur um eine Vereinigung handelt, wollen die GRÜNEN das Verbot auf jeden Fall. Beide Anträge wurden vom bayrischen Verfassungsausschuss inzwischen angenommen.

Der III. Weg gilt als Nachfolge- bzw. Auffangorganisation des in Bayern im Jahr 2013 verbotenen „Freien Netzes Süd“. Die Organisation tritt jedoch seit ihrer Gründung als bundesweit organisierte Partei auf und hat mittlerweile Strukturen in Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Berlin,  Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Fotos (124) hier: 

2018.02.17 Nordhausen - Fackelmarsch III. Weg und Proteste (120)
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