Themar: Konsolidierung durch Musik – das Neonazi-Konzert aus Brandenburger Perspektive

2017.07.15 Themar - Rock gegen Ueberfremdung, Foto_Lukas.Beyer
Einchecken in Themar: Auch Brandenburger, wie NPD Landesorganisationsleiter Michel Müller (Mitte, mit Sonnenbrille), nahmen Rechtsrock-Großevent teil (Foto: Lukas Beyer)

Neonazi-Musikveranstaltung mit 6.000 Gästen in Themar (TH). Auch viele Brandenburger unter den Teilnehmenden. Konzert vereint gespaltenes Milieu und sichert möglicherweise seine Finanzierung

Am vergangenen Samstag fand im thüringischen Themar ein Treffen von ungefähr 6.000 Neonazis statt. Die Veranstaltung war von einem lokalen NPD Funktionär als öffentliche Versammlung angemeldet worden, hatte aber, wie das Motto: „Rock gegen Überfremdung II“ schon offenbart, eher den Charakter eines Szenekonzertes.  Zwar sollen auch mehrere „Politiker“ verschiedener Neonazi-Parteien auch Redebeiträge gehalten haben, jedoch dürfte der größte Teil des Publikums wegen den angekündigten Auftritten szenebekannter Rechtsrock Bands, darunter „Stahlgewitter“, „Lunikoff Verschwörung“, „Sleipnir“ und „Uwocaust“, angereist sein.

Neonazistisches Milieu aus Brandenburg vertreten

Die Teilnehmenden kamen aus dem gesamten Bundesgebiet und aus dem nahen europäischen Ausland. Unter den Versammlungsgästen waren auch viele Neonazis aus Brandenburg. Auf Fotos von Beobachtenden sind vor allem bekannte Szene-Akteure aus den kreisfreien Städten Potsdam und Brandenburg an der Havel sowie den Landkreisen Prignitz, Ostprignitz-Ruppin, Havelland, Potsdam-Mittelmark, Elbe-Elster und Spree-Neiße erkennbar. Der Großteil dieser Personen gilt als Sympathisierende der NPD und ihr naher Label, wie den „Freien Kräften Prignitz“ oder den „Freien Kräften Neuruppin-Osthavelland“. Auffällig war auch eine größere Gruppe Neonazis, die  T-Shirts mit dem Brandenburger Ortsnamen „Finsterwalde“ trugen, wobei die Buchstaben „NS“ besonders hervorgehoben waren.

Bemerkenswertester Teilnehmer aus Brandenburg war aber der erstmals seit März 2016 wieder öffentlich aktive Rathenower Michel Müller, der im Landesvorstand der NPD für den Bereich Organisation zuständig ist. Er war mit drei weiteren Personen aus Rathenow, Nennhausen und dem Premnitzer OT Döberitz angereist, die, laut einem Schreiben des Brandenburger Innenministeriums, der offiziell „aufgelösten“ Kameradschaft „Hauptvolk“ (Vereinsverbot April 2005) angehörten. Müller gehörte, laut Ministerium, ebenfalls dieser Organisation an. Aktuell nimmt er, neben seiner NPD internen Funktion, auch zwei Mandate in Kommunalparlamenten in der Stadt Rathenow und im Landkreis Havelland war.

Eine ähnliche kommunalpolitische Funktion hat der  Belziger André Schär, der am Samstagnachmittag ebenfalls in Themar zu sehen war. Der NPD Funktionär ist Stadtrat in Bad Belzig und Kreisrat im Landkreis Potsdam-Mittelmark.

Weitere bekannte Politakteure, die am Konzert in Themar teilnahmen waren Markus N. aus Guben (ehemaliger NPD Kommunalpolitiker), der Wittstocker Ronny S. (Veranstalter mehrerer Aufmärsche im Raum Wittstock-Pritzwalk) und Paddy B. aus Potsdam (Sympathisant freier Kräfte sowie des „III. Weges“). Zudem soll Matthias Fischer aus Templin („Gebietsleiter Mitte“ vom „III. Weg“) als Redner aufgetreten sein.

Außerdem in Themar anwesend: Sascha L. aus Brandenburg an der Havel. Der Neonazi saß sieben Jahre wegen Totschlag im Gefängnis. Er hatte im Februar 1996 einen Punk in Brandenburg an der Havel zu Tode geprügelt.

Aus der neonazistischen Musikmachendenszene war darüber hinaus der Rathenower Liedermacher Thomas Lange alias „Toitonicus“ anwesend. Außerdem trat die Potsdamer Band „Uwocaust“ mit Sänger Uwe Menzel, einem Hauptakteur der Brandenburger Rechtsrock Szene, in Themar auf.

Rechtsrock als gemeinsame Schnittstelle und Finanzspritze

Die deutliche Präsenz Brandenburger Neonazis auf der Konzertveranstaltung am 15. Juli 2017 in Thüringen scheint Annahmen zu bestätigen, dass sich die Szene in Brandenburg durch Rechtsrockevents wieder konsolidiert. Dafür spricht ein hoher Anteil von Konzertteilnehmenden, die zum Teil seit Jahren an der Organisation von politischen Versammlungen, insbesondere im Westen Brandenburgs beteiligt waren. Diese Personen bzw deren Strukturen waren in den Vormonaten weitgehend inaktiv.

Hintergrund der zeitweisen Inaktivität könnten die Verurteilungen einiger bedeutender Aktive, beispielsweise der „Nauener Zelle“, und das Verbot der „Weisse Wölfe Terrorcrew“, aber auch die zeitweise starke Zugkraft von rechtsmotivierten Versammlungen der Brandenburger AfD oder PEGIDA-ähnliche Organisationen im Land sein. Darüber hinaus spiegelten sich im neonazistischen Milieu aber auch die bundesweit spürbaren Spalterscheinungen, im Zuge des NPD Verbotsverfahrens sowie in der Militanzdebatte wider. Neue Neonazi-Parteien, wie „Die Rechte“ und „Der III. Weg“ traten in Konkurrenz zu den bisher dominierenden Nationaldemokraten auf. Des Weiteren reorganisierte sich mit dem „Antikapitalistischen Kollektiv“ eine Struktur „Autonomer Nationalisten“, die durch kämpferische Aktionen auf Versammlungen ebenfalls für Spaltungsdebatten sorgten.

In Themar trat das bundesweit aktive neonazistische Milieu am vergangenen Wochenende allerdings wieder erstaunlich geschlossen und konsolidiert auf. Hochrangige Funktionäre oder Akteure aus NPD, „Die Rechte“, „Der III. Weg“, aus dem „antikapitalistischen Kollektiv“ sowie dem Thüringer PEGIDA-Ableger THÜGIDA sollen, gemäß Programm, Redebeiträgen auf einer gemeinsamen Bühne gehalten haben. Sie alle einte offenbar die Identifizierung mit dem vielfach als „subkulturell“ verharmlosten Rechtsrock. Einer Parallelwelt, dessen frühere Akteure, maßgeblich den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) durch Logistik und Finanzen, die sie mutmaßlich aus ihren Ressourcen: Konzerte, Tonträgervertrieb, Merchandise oder der Verteilerstruktur schöpften, unterstützt hatten.

Auch heute dürfte es im Rechtsrock vor allem um die Akquirierung von Finanzmitteln zu gehen, auch über das private Geschäftsinteresse hinaus. Sollten die Gesetze nämlich tatsächlich dahingehend geändert werden, dass Parteien mit erwiesen verfassungsfeindlicher Programmatik keine staatlichen Finanzmittel mehr zu Gute kommen, werden Konzerte, wie in Themar, wahrscheinlich die einzige Einnahmequelle für neonazistische Parteien sein. Insofern ist bundesweit mit einer Etablierung oder Steigerung solcher Veranstaltungen zu rechnen.

Beispiele für Brandenburger Neonazis in Themar (Fotos von Beobachtenden):

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