Stendal: Extrem rechte „Thügida“ zog es in die Altmark

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„Thügida“-Aufzug während der Zwischenkundgebung am Stadtsee

Am Samstagnachmittag veranstaltete die extrem rechte Vereinigung „Thügida und  Wir lieben Sachsen e.V.“ eine Kundgebung mit anschließendem „Spaziergang“ in der sachsen-anhaltinischen Hansestadt Stendal. An der Versammlung nahmen ungefähr 80 Personen (50 waren angemeldet) teil. Gleichzeitig veranstaltete das zivilgesellschaftliche Netzwerk „Herz statt Hetze Stendal“ in ca. 400m Entfernung ein als Pendant zum extrem rechten Aufzug beworbenes „Familienfest“. An diesem beteiligten sich ungefähr 140 Personen (75 waren angemeldet). Weitere Protestaktionen fanden in direkter Nähe zur Veranstaltung von „Thügida“ statt.

„Kein Platz für Nazis“ in Stendal

Die „Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken“ hatte sich beispielsweise in der Breiten Straße Ecke Poststraße in unmittelbarer Hör- und Sichtweite zu „Thügida“ mit ungefähr 15 Personen versammelt. Die überwiegend jungen Menschen gaben dabei lautstark ihr Missfallen gegenüber der extrem rechten Kundgebung zum Ausdruck. Auf einem Transparent wurde sich zudem eindeutig gegen neonazistische Tendenzen in der Gesellschaft positioniert.

Eine weitere, wenn auch nur kurze, Protestaktion gab es in der Rathenower Straße Ecke Breite Straße. Dort zeigten vier Personen ein Transparent mit der Aufschrift: „Kein Mensch ist illegal“.

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Blockade in der Frommhagener Straße erreichte Routenkürzung

In der Frommhagener Straße Ecke Grabenstraße bildete eine weitere Gruppe von ungefähr 20 Menschen eine Straßenblockade und erreichte dadurch eine Verkürzung der „Thügida“-Route.

Weitere direkte Protestaktionen kleinerer Gruppen bzw. Grüppchen gab es zudem in der Straße Am Dom Ecke Westwall und in der Karlstraße, Höhe Landgericht.

Die Hauptkundgebung der Zivilgesellschaft lag zunächst hingegen etwas abseits des Kerngeschehens. Unter dem Motto: „Kein Platz für Nazis in unserer Stadt“ hatte sich das zivilgesellschaftliche Netzwerk „Herz statt Hetze Stendal“ offiziell ab 13.30 Uhr auf einer Freifläche vor dem Dom St. Nikolai versammelt. Hier wurde, gemäß Aufruf, dem „braune(n) Aufmarsch ein buntes und fröhliches Fest“ entgegengesetzt. Ein breites Angebot von Vereinen und Parteien, darunter SPD, LINKE und Piraten, sorgte für ein umfangreiches Informationsangebot; Musikgruppen, ein Chor und mehrere Redebeiträge für Unterhaltung und politische Positionierung.

Auf einen verbalen Schlagabtausch mit dem „Thügida“-Aufzug verzichtete allerdings der Großteil der Festgäste. Als der extrem rechte Aufmarsch gegen 17.00 Uhr das Veranstaltungsgelände von „Herz statt Hetze Stendal“ im Bereich Domstraße und Karlstraße tangierte, war das Fest bereits beendet und alle Stände abgebaut. Die meisten Festgäste waren zudem längst gegangen. Nur eine kleine Gruppe von ungefähr 20 Personen positionierte sich, wie oben bereits angedeutet, lautstark und in Hör- und Sichtweite gegen „Thügida“.

Extrem rechter „Thügida“-Aufzug

„Thügida & Wir lieben Sachsen“ versammelte sich übrigens ab 13:00 Uhr am südlichen Ende der innerstädtischen Fußgängerzone in der Breiten Straße Ecke Rathenower Straße, an der Sperlingsida. Das Versammlungsmotto lautete: „Vereint für ein freies und souveränes Deutschland“. Die dementsprechende Klientel reiste daraufhin vor allem aus Sachsen-Anhalt (ST), Brandenburg (BB), Berlin (BE) und Mecklenburg-Vorpommern (MV) sowie vereinzelt aus Thüringen (TH), Sachsen (SN) und Nordrhein-Westfalen an.

Gegen 14:00 Uhr begann die Veranstaltung mit einer Auftaktkundgebung. Dort sprachen u.a.Martin Knaak (ST) und Elke Metzner aus Berlin (BE). Anschließend formierte sich die Versammlung zu einem Aufzug und zog von der Sperlingsida über Schadewachten, Hospitalstraße, Beckstraße, Bahnhofstraße,  Goethestraße, Röxer Straße, Erich-Weinert-Straße, Wahrburger Straße, Stadtseeallee, Westwall, Am Dom, Karlstraße zurück zum Ausgangspunkt. Der ursprünglich angedachte Zug durch die Moltkestraße, Frommhagener Straße, Grabenstraße und Nicolaistraße blieb „Thügida“ durch die Menschenblockade in der Frommhagener Straße Ecke Grabenstraße allerdings verwehrt.

Während einer kurzen Zwischenkundgebung  in der Wahrburger Straße Ecke Stadtseeallee sprach zwischenzeitlich noch Alexander Kurth aus Leipzig (SN).

Als teilnehmende Organisationen gaben sich u.a. das „Bürgerbündnis Havelland eV“ (BB), „Hand in Hand“ (BE), „BÄRGIDA“ (BE), „Aktionsgruppe Freundeskreis M.u.P.“ (MV) und die „Nationalen Aktivisten Brandenburg Sektion Rathenow“ (BB) durch mitgeführte Banner zu erkennen. Weiterhin  bekannten sich einzelne Mitmarschierende durch Kleidungsstücke zur NPD, zur „Identitären Bewegung“, zu „Einprozent“, zur „Bürgerwehr Freital“ (SN) und zur „Freikorps Heimatschutz Division 2016“. Darüber hinaus waren einzelne Teilnehmende in der Vergangenheit als Sympathisierende von „Pegida“, der „Bürgerbewegung Altmark“ (ST), der „Brigade Magdeburg“ (ST), der „Freien Kameradschaft MOL“ (BB) und der Partei „Die Rechte“ aufgefallen.

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Mini-Black-Block von „Autonomen Nationalisten“

Während des Aufzuges kam es außerdem zur Bildung eines Mini-Black-Blocks durch ca. 15 „Autonome Nationalisten“ aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Dieser wurde zeitweise von einem Banner angeführt, auf dem der nach rechts blickende Parteiadler der NSDAP abgebildet war. Das verbotene Hakenkreuz wurde allerdings nicht gezeigt.

Des Weiteren führte der Aufzug eine größere Anzahl von schwarz-weiß-roten Flaggen mit sich. Diese Fahne galt als Hoheitszeichen des Norddeutschen Bundes (1867-1871), des Deutschen Kaiserreiches (1871-1918) sowie des NS Regimes in der Zeit von 1933-1935. Zum Zeigen der „Schwarz-Weiß-Roten Fahne“ wurde im Aufruf zur Versammlung mit der Begründung, dass dies die „Fahne unseres Landes“ sei, ausdrücklich aufgefordert.

„Thügida“ auf Wandertour

„Thügida“ wurde, laut Thüringer Verfassungsschutzbericht 2014/15, von Akteuren des extrem rechten Milieus, u.a. aus NPD, Die Rechte und Europäische Aktion, in Südthüringens als „Sügida“ ins Leben gerufen. Der Name der Organisation lehne sich zwar an die sächsische Pegida-Bewegung an, so die Behörde weiter, die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes, auf die im Namenskürzel Bezug genommen würde, spiele jedoch tatsächlich eine „Nebenrolle“. Hauptthemenfeld der Thüringer Gida-Gruppe sei vielmehr die Positionierung gegen Zuwanderung und Asylpolitik.

Erstmals soll die Gruppierung als „Thügida“ am 13. April 2015 in Erfurt (TH) aufgetreten sein. Zuvor habe der mutmaßliche Hauptakteur David Köckert, zu diesem Zeitpunkt noch Landesorganisationsleiter der NPD Thüringen, die Ausweitung der lokalen Aktivitäten von Sügida in Suhl auf das ganze Bundesland angekündigt. Seit dem trat die Gruppierung als „Thügida“ in Erscheinung.

Am 19. Oktober 2016 soll dann, eigenen Angaben zufolge, die Vereinsgründung erfolgt sein und schließlich am 18. November 2016 die erste Vorstandswahl. Die Vereinigung nannte sich seit dem „Thügida und Wir lieben Sachsen e.V“. Zum Vereinsvorsitzenden wurde David Köckert gewählt, zu stellvertretenden Vorsitzenden Alexander Kurth und Frank Rennicke. Alle drei Personen haben eine Vergangenheit in der neonazistischen NPD.

David Köckert saß, neben seiner Tätigkeit als Landesorganisationsleiter, auch für die Partei in der Stadtverordnetenversammlung von Greiz. Dort ist er heute zwar immer noch vertreten, den „Nationaldemokraten“ habe er allerdings den Rücken gekehrt.

Auch der wegen Volksverhetzung verurteilte Liedermacher Frank Rennicke engagierte sich jahrelang in der NPD. In den Jahren 2009 und 2010 wurde er von seiner Partei (im Jahr 2009 gemeinsam mit der DVU) als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nominiert, erhielt bei den daraufhin stattfindenden Wahlen jedoch lediglich vier (0,3 %) bzw. drei Stimmen (0,2 %).

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Ist er das Volk? Alexander Kurth während seines Redebeitrages bei der Zwischenkundgebung am Stadtsee

Der verurteilte Gewalttäter Alexander Kurth bewarb sich im Rahmen der sächsischen Kommunalwahl 2014 um einen Sitz im Leipziger Stadtparlament. Der damals der NPD Zugehörige wurde aufgrund seiner Vorstrafen jedoch rückwirkend nicht zur Wahl zugelassen. Später kehrte Kurth den „Nationaldemokraten“ den Rücken und trat der Partei „Die Rechte“ bei. Bei dieser wird er nach wie vor als Mitglied ihres Bundesvorstandes und als „Vernetzungsbeauftragter“ geführt.

Die Vernetzung von PEGIDA-ähnlichen „Bürgerinitiativen“, seit geraumer Zeit auch über die Landesgrenzen von Thüringen hinaus, scheint momentan auch das Hauptaugenmerk von „Thügida“ zu sein. Möglicherweise diesbezüglich tourte ein entsprechendes Fahrzeug der Vereinigung u.a. schon nach Sachsen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. In Niedersachsen soll es zudem eine Thügida-Sektion in Nienburg/Weser geben.

Des weiteren existiert im Socialmedia spätestens seit dem 21. November 2016 ein, eigenen Angaben zufolge, in der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt Magdeburg ansässiger, mutmaßlicher Ableger der Vereinigung mit dem Arbeitstitel: „Thügida / Wir leben Sachsen-Anhalt“. Dieser warb übrigens bereits seit dem 9. Januar 2017 mehrfach  für die Versammlung am 25. März 2017 in Stendal.

Akteure der „Bürgerbewegung Altmark“ in Aufmarsch involviert

Eine weitere Verbindung zwischen „Thügida / Wir leben Sachsen-Anhalt“ und der sachsen-anhaltinischen Hansestadt scheint sich über die rechte „Bürgerbewegung Altmark (BBA)“ anzudeuten. Zumindest wurde deren Internetpräsenz bereits recht früh, genauer gesagt seit dem 24. November 2016, vom Magdeburger „Thügida“-Ableger beworben.

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Mutmaßlicher Anmelder und Versammlungsleiter Martin Knaak bei der Verlesung der Auflagen

Der mutmaßliche Kopf der „Bürgerbewegung Altmark“, Martin Knaak aus Tangerhütte OT Demker, soll, laut Auskunft der Altmark Zeitung (AZ), zudem auch der Anmelder der Versammlung von „Thügida und Wir lieben Sachsen e.V.“ am Samstagnachmittag in Stendal gewesen sein. Während der Veranstaltung war er weiterhin als Versammlungsleiter erkennbar.

Die hauptsächlich im Nordosten Sachsen-Anhalts aktive „Bürgerbewegung Altmark“ führte seit Ende Oktober 2015 mehrere Versammlungen in Stendal, Tangerhütte und Tangermünde durch und vereinigte dabei Klientel aus NPD, Die Rechte, Freien Kameradschaften, Identitären, AfD-nahen sowie PEGIDA-ähnlichen Strukturen.

Martin Knaak und dessen Lebensabschnittsgefährtin nahmen ihrerseits anschließend u.a. am 19. Dezember 2015 an einem extrem rechten Aufmarsch in Burg bei Magdeburg, am16. Januar 2016 an einem neonazistischen „Trauermarsch“ in Magdeburg sowie an einer Versammlung der AfD am 25. Februar 2016 in Tangermünde teil. Zuletzt traten die Akteure der „Bürgerbewegung Altmark“ immer wieder bei der Veranstaltungsreihe von „Wir für Deutschland“ in Berlin auf. Spätestens hier könnte es zu Kontaktknüpfungen in Richtung „Thügida“ gekommen sein.

Eine offizielle Zusammenarbeit bestreitet die „Bürgerbewegung Altmark“ jedoch. Am 8. März 2017 bekundete BBA „weder Organisator noch Veranstalter“ der Versammlung vom 25. März 2017 in Stendal zu sein.

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