Rathenow: Unbequeme Kunst – Anonyme Kulturschaffende beklagen erneute Beschlagnahmungen durch die Polizei

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Am Mittwochabend soll die Polizei in Rathenow erneut gegen Kulturschaffende vorgegangen sein, die seit vergangenen Samstag im örtlichen Kulturzentrum aktionskünstlerische Werke präsentieren. Dabei wurde, gemäß Pressemitteilung der „Freunde der toten Kinder“, die „gesamte ausliegende Auflage“ eines „Ausstellungskataloges beschlagnahmt“. Die Beschlagnahmungsaktion der Polizei soll, laut Erklärung der anonymen Kulturschaffenden, ohne Hinzuziehung der Leitung des Kulturzentrums und ohne Hinterlassung eines Durchsuchungsprotokolls durchgeführt worden sein.

Satirisches Plakat gegen rechtes „Bürgerbündnis“

Es wäre das zweite mal, dass die Beamt_innen gegen die „Freunde der toten Kinder“ vorgehen. Bereits am 29. April 2016 schritt die Polizei gegen ein satirisches Plakat der anonymen Kulturschaffenden ein. Es karikierte damals den umstrittenen Anführer des rechten „Bürgerbündnisses Havelland“, Christian Kaiser.
Ob es zwischen beiden Polizeiaktionen einen Zusammenhang gibt, ist nicht bekannt. Die „Freunde der toten Kinder“ treten in Rathenow ausschließlich anonym auf. Eine direkte Ansprechperson, die in der Lage wäre sowohl den zweifelhaften Polizeieinsatz als auch dessen eigentliche Veranlassung, mutmaßlich eine zuvor gestellte Anzeige durch Christian Kaiser, gerichtlich bewerten zu lassen, gab sich bisher jedenfalls nicht zu erkennen.
Anonym beklagten die Kulturschaffenden jedoch, dass „die Polizei einer brandenburgischen Kleinstadt (…) ihren grundgesetzlichen Auftrag, die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst zu schützen“ verlässt und „sich zum Vollstrecker privater rechter Allmachtsfantasien“ macht.
Die Werkschau der „Freunde der toten Kinder“ kann noch bis Sonntag im Foyer des Rathenower Kulturzentrums besichtigt werden.

„Bürgerbündnis“ sieht Kulturschaffende als Feindbild

Auch das rechte „Bürgerbündnis Havelland“ hat sich mittlerweile zur Ausstellung der anonymen Kulturschaffenden geäußert. „Alle Mitglieder des Aktionsbündnis aus Rathenow sowie jeder einzelne der Anonymen Freunde der Toten Kinder“, seien nach dessen Ansicht, „rückradlose Faschistische Hetzer“, deren einziges Ziel es wäre „Deutsche Steuerzahler nieder zu machen die keine linksextreme über Rote Weltanschauliche Gesinnung haben“ (Rechtschreibung im Original).
Die Beschimpfungen des rechten „Bürgerbündnisses“ scheinen dabei wohl kalkuliert. Durch derbe Statements oder eigene Anzeigen könnte ein Rechtstreit konstruiert werden, der die Kulturschaffenden aus der Anonymität zwingt. Anschließend muss dann davon auszugehen, dass die daraus gewonnenen Daten, wie bereits bei anderen missliebige Personen zuvor, dafür genutzt werden, um die Menschen, die sich hinter den „Freunden der toten Kinder“ verbergen, öffentlich, beispielsweise während der Veranstaltungen des „Bürgerbündnisses Havelland“ oder im Socialmedia, zu beleidigen und zu verunglimpfen.
Ob den Kulturschaffenden die Polizei dann mit gleichem Eifer, wie bei der Beschlagnahmung des Plakates oder eben der Kataloge, zu Hilfe rückt, bliebe fraglich. Bei vergangenen Versammlungen des rechten „Bürgerbündnisses Havelland“ griffen die Beamt_innen meist erst ein, als die aggressive Hetze der Bündler_innen schon zu tätlichen Übergriffen führte.

Fotos:

2016.10.22 Rathenow Werkschau Freunde der toten Kinder (1)
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