Neuruppin: Neonazi-Provokation zum Todestag von Emil Wendland

Titel

An einer Versammlung von Neonazis beteiligten sich am frühen Abend in Neuruppin 14 Personen aus den Landkreisen Ostprignitz-Ruppin und Havelland. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: „Ehrlich gedenken, statt Opfer missbrauchen“ und sollte vorgeblich an den tödlichen Übergriff auf Emil Wendland in der Nacht vom 1. zum 2. Juli 1992 erinnern. Der Wohnungslose wurde vor 24 Jahren von drei Naziskins in einer Parkanlage am Neuruppiner Schulplatz überfallen, zusammengeschlagen und anschließend erstochen. Während des Verfahrens wurden die sozialdarwinistischen Motive benannt, jedoch nicht in der Urteilsverkündung berücksichtigt. Dadurch wurde die Tat seit 1993 nicht mehr in der behördlichen Auflistung der Todesopfer extrem rechter Gewalt geführt. Erst seit 2015 wird die Tötung von Emil Wendland wieder in dieser Statistik miteingerechnet.

Neonazis weisen hingegen die Verantwortung für den Tod des Wohnungslosen jedoch noch heute weit von sich und bestreiten einen Zusammenhang zwischen der Tat und ihrem aggressiven Weltbild. In einem äußerst polemisch verfassten Aufruf zur Abendkundgebung unterstellten die „Freien Kräfte Neuruppin – Osthavelland“ einer Gruppe von nicht näher definierten „antideutschen Lügnern“ das „subkulturelle Auftreten“ der damaligen Täter als einziges Indiz für deren neonazistische Weltanschauung zu nutzen und somit dem Getöteten als „Opfer im Kampf gegen Rechts“ zu missbrauchen. Einen Beweis für diese Behauptung lieferten die „Freien Kräfte Neuruppin – Osthavelland“ jedoch nicht. Wie auch? Selbst auf der Internetseite des linksalternativen Jugendwohnprojektes Mittendrin, das seit Jahren an die Tötung von Emil Wendland erinnert, wird auf die im Prozess gegen die Täter festgestellten sozialdarwinistischen Motive ausführlich eingegangen.

Ohnehin scheint die Kundgebung der Neonazis nur eine verspätete (Trotz)reaktion auf das jahrelange antifaschistische und zivilgesellschaftliche Engagement zur Erinnerung an den Getöteten zu sein. Die im kollektiven Gedächtnis der Stadt so weiter fort bestehende Mahnung vor extrem rechter Gewalt, wirkt letztendlich auch einer breiten Einflussnahme des neonazistischen Milieus auf große Teile der Bevölkerung in der Stadt entgegen.

Dennoch suchen die „Freien Kräfte Neuruppin – Osthavelland“ immer wieder neue Möglichkeiten, um sich ins Gespräch zu bringen. Das Gedenken an Emil Wendland gehört dabei zu den bizarrsten Aktionen dieser Vereinigung. Scheinheilig wurde auch heute Abend das Andenken an Emil Wendland genutzt, um die neonazistische Weltanschauung zu relativieren. „Man“ habe zudem „recherchiert“ und angeblich festgestellt, dass die Täter zu keinem Zeitpunkt der „nationalen Bewegung von Neuruppin“ angehörten, so ein Redner. Überhaupt gehe von Neonazis keine Gefahr aus, betonte ein anderer Sprecher der „Freien Kräfte Neuruppin – Osthavelland“, der außerdem für die NPD im Neuruppiner Stadtparlament sitzt. Beide Redner wurden allerdings erst am 5. Januar 2016 in einem Prozess am Amtsgericht Neuruppin wegen eines Gewaltdeliktes zu Freiheitsstrafen auf Bewehrung verurteilt.

Am morgigen Vormittag wird es eine weitere Veranstaltung ab 11.00 Uhr auf dem Schulplatz geben. Diesmal wollen Vertreter_innen des JWP Mittendrin an Emil Wendland sowie auch an alle anderen Opfer extrem rechter Gewalt erinnern.

Fotos:

2016.07.01 Neuruppin Freie Kraefte Kundgebung (19)

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