Neuruppin: Neonazis provozierten erneut bei Gedenken an Emil Wendland

Titel

Am frühen Abend haben ungefähr 30 Menschen am Neuruppiner Schulplatz an den vor 23 Jahren getöteten Emil Wendland gedacht. Der Obdachlose wurde dort am 1. Juli 1992 von Naziskins getötet. Zur Erinnerung an Wendland wurden zwei Reden gehalten und Blumen an einer Gedenkplakette niedergelegt. Unmittelbar nach der Gedenkveranstaltung provozierten allerdings, wie bereits im vergangenen Jahr, Neonazis. Sie versuchten im Rahmen einer angemeldeten Kundgebung den Toten für ihre Zwecke zu vereinnahmen und die neonazistische Ideologie als Tatmotiv zu verleugnen.

Neonazi-Provokation am Tatort

Bereits am gestrigen Tag hatten die „Freien Kräfte Neuruppin/Osthavelland“, gemäß ihrer Socialmedia-Präsenz, eine Flugblattaktion anlässlich des Todestages von Emil Wendland durchgeführt. In einem dazugehörigen Statement verurteilt die Neonazigruppe das Gedenken als „Lüge und Hetze“ gegen ihre„Weltanschauung“. „Kein anständiger Nationalist“ sehe „Menschen seines Volkes als – nicht lebenswert – an, nur weil sie ohne festen Wohnsitz, bzw. auf staatliche Hilfe angewiesen sind“, so die Freien Kräfte weiter.

Ein Blick in die Geschichte offenbart allerdings das Gegenteil. Ab 1933, mit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland, wurdenObdachlose als so genannte „Arbeitsscheue“ und „Asoziale“ verfolgt. Ungefähr 10.000 Menschen wurden zudem als so genannte „Nichtsesshafte“ in Konzentrationslager eingewiesen. Diese Verfolgung war auch ideologisch begründet. Gemäß „Rassehygienischer und bevölkerungspolitischer Forschungsstelle“ (RHF) galten „asoziale Charaktereigenschaften“ angeblich als vererbbar. Viele Obdachlose wurden in der Zeit des Nationalsozialismus deshalb auch zwangssterilisiert.

Obdachlosendiskriminierung ist somit offensichtlich kein Ausdruck „subkultureller Perspektivlosigkeit“, wie es die 20 Neonazis aus Ostprignitz-Ruppin, der Prignitz, dem Havelland und Brandenburg an der Havel auch heute wieder auf einem ihrer Banner darstellten, sondern eher Produkt einer zutiefst menschenverachtenden Ideologie.

Mitunter wirkten die Statements der „Freien Kräfte Neuruppin/Osthavelland“ sogar wie eine Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, wenn Emil Wendland darin als Opfer des „familienfeindliche(n) System(s) der BRD“ oder als angebliches „Missbrauchsopfer im Kampf gegen Rechts“ dargestellt wird.

Würdiges Gedenken an Erinnerungsplakette

Das überhaupt erst an Emil Wendland erinnert wird, ist jedenfalls vor allem dem, ebenfalls von Neonazis angefeindeten, Jugendwohnprojekt MittenDrin zu verdanken. Dieser Neuruppiner Verein setzt sich seit Jahren für ein würdiges Gedenken an den getöteten Obdachlosen ein.

Im Jahr 2012, anlässlich des zwanzigsten Todestages von Emil Wendland, setzte sich das MittenDrin für die Aufstellung einer Gedenkplakette ein. Seit dem fanden jährlich Erinnerungszeremonien statt. Auch heute wurde wieder mit Redebeiträgen, einer Schweigeminute und der Niederlegung von Blumen an den Tod von Emil Wendland erinnert.

Der Weg zu einem würdigen Gedenken war bis dahin allerdings mehr als steinig, denn Wendland wurde nach 1993 nicht mehr als Opfer „rechter Gewalt“ anerkannt. Doch auch hier engagierte sich vor allem das MittenDrin, in dem es die Erinnerung an die Tat immer wieder in das Bewusstsein der Neuruppiner zurückholte.

Anerkennung als Opfer politisch motivierter Gewalt

Die Anerkennung Wendlands als Opfer politisch motivierte Gewalt folgte dann aber erst vor wenigen Tagen, als das Brandenburger Innenministerium am 29. Juni 2015 einen Forschungsbericht des „Moses Mendelsohn Zentrum vorstellte.

In der Dokumentation wurden 23 Altfälle mutmaßlicher rechtsextremer und rassistischer Gewalt nach 1990 im Land Brandenburg untersucht, die bisher nicht in der polizeilichen Kriminalstatistik für derartige Fälle aufgeführt waren. Neun weitere Tötungsverbrechen wurden allerdings bereits als politisch motivierte Gewalttaten anerkannt. Zu diesen kamen, mit der Veröffentlichung des Forschungsberichtes jetzt neun weitere Verbrechen hinzu. Auch die Tötung von Emil Wendland wird künftig wieder als politische Gewalt gewertet werden. Grund hierfür war die gezielte Absicht der damaligen Täter Obdachlose zu misshandeln. Einer der Täter rechtfertigte sich später diesbezüglich in seiner polizeilichen Vernehmung und fand es, laut Forschungsbericht, richtig, „Assis einen Denkzettel zu geben“. Diese würden „nur von unseren Steuergeldern“ leben und außerdem das Stadtbild „verschandeln“. „Nicht richtig“ fand der Tatverdächtige bei der Aussage gegenüber der Polizei zwar, auf jemanden, der noch schläft, einzutreten .Aber „vom Grunde her“ brauchten „die Assis mal Denkzettel“, damit sie sich dann vielleicht mal um Arbeit bemühen, so die Rechtfertigung des selben Täters. Und weiter:„Wenn wir rechts orientierten uns nicht um so etwas kümmern, tut es keiner.“ Weiterhin soll derselbe Täter in seiner polizeilichen Vernehmung freimütig zugegeben haben, dass er sich „zur rechten Szene“ zähle und „eine gesunde rechte Einstellung habe“.

Fotos: hier

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