In der Ukraine herrscht seit zwei Jahren Krieg. Auch die antiautoritäre Linke des Landes steht im Kampf gegen die Aggression des Putin-Regimes. Während eines Infoabends in Berlin gab nun ein Solidaritätskollektiv aus Kyiv Einblick in sein Engagement.
Junge, subkulturell gekleidete Menschen drängen sich in einen kleinen, schlicht eingerichteten Konferenzraum eines Aktivistenbüros in Berlin. An einer kahlen weißen Wand fällt eine bunte Antifa-Fahne auf. Neben einem Getränkestand ist ein Pappkarton mit Solidaritätsbekundungen für die kurdische Freiheitsbewegung zu sehen. Und auf einem großen Tisch haben ukrainische Aktivisten gegen Spende erwerbbare Solidaritätsshirts mit aufgedruckten Anarchie-Zeichen ausgelegt. Weitere Shirtmotive sind Waffen sowie der Aufdruck: „Fight for Freedom“.
Anlass der Zusammenkunft ist die Vorstellung von „Колективи Солідарності“ (Solidaritätskollektive) aus der Ukraine.

Das Solidaritätskollektiv
Als Einleitung zur Präsentation wird ein Videostatement eines Aktivisten eingeblendet, in dem dieser kundtut, dass es ihm nicht darum gehe für einen Staat zu kämpfen, sondern die Menschen und die Gesellschaft in der Ukraine vor dem Zugriff des totalitären Putin-Regimes zu schützen
Eine junge Frau aus Kyiv, deren Namen aus Sicherheitsgründen hier nicht genannt werden soll, stellt anschließend auf Englisch gegenüber den etwa 30 anwesenden Veranstaltungsgästen aus verschiedenen Ländern das Kollektiv und sein Engagement vor.
Gegründet wurde das Solidaritätskollektiv demnach von ukrainischen Anarchisten, welche sich zu Beginn des russischen Angriffskrieges, genauer gesagt während der Schlacht um Kyiv, zusammenfanden.
Sofort fällt auf, dass die nunmehr schon seit zwei Jahren andauernde Aggression Russlands gegen die Ukraine das ursprünglich antimilitaristische Selbstverständnis der antiautoritären Linken des Landes ins Gegenteil gewendet hat.
Denn das Solidaritätskollektiv unterstützt nicht nur die notleidende Zivilbevölkerung in Frontnähe, sondern vor allem auch antiautoritäre Freiwillige im Gefecht.
Hauptziel sei es, so kann es auch auf der Website des Kollektivs nachgelesen werden, am Kriegsgeschehen Teilnehmende mit notwendiger Ausrüstung zu versorgen.
Pro Monat sammle das Solidaritätskollektiv, so sagt es die junge Frau aus Kyiv, etwa 10.000 Euro. Davon wurden bisher 5 Fahrzeuge, 20 Gefechtshelme, 30 Schutzwesten, 50 Erste-Hilfe-Sets, 5 Drohnen, 30 Funkgeräte, mehr als 100 Kampfanzüge sowie Zielfernrohre, Ohrenschutz sowie sonstiges für den Kampf notwendiges technisches Equipment angeschafft. Aktuell wird für radioelektronische Drohnenabwehrsysteme gesammelt.
Freiwillige in einem grausamen Krieg
Die technische Ausrüstung ist für die mehr als 100 antiautoritären Freiwilligen bestimmt. Bei den freiwillig Kämpfenden handelt es sich in erster Linie um Anarchisten, Menschenrechtsaktivisten, Gewerkschaftsangehörige, Öko-Anarchisten, Anarcho-Feministen, Punks sowie politische Geflüchtete aus Belarus und Russland.
Geleitet werden sie von politischen Idealen. Gekämpft wird für eine Weltordnung, in der Menschen ihren eigenen Weg und ihre Entwicklung selbst wählen und sich nicht der Macht von Diktatoren unterwerfen müssen. „Unser Kampf ist ein Kampf gegen die koloniale imperiale Politik, wonach die Weltordnung dadurch bestimmt wird, wer über mehr Waffen und Fossilienvorkommen verfügt“, schreibt das Solidaritätskollektiv auf seiner Website.
Einzelne antiautoritäre Freiwillige hatten zuvor bereits bei kurdischen Milizen in Rojava im nordöstlichen Syrien gekämpft. Doch die meisten verfügten vor dem Beginn der Aggression gegen die Ukraine über keinerlei Kampferfahrung.
Nicht Wenige traf die Grausamkeit des Konfliktes in voller Härte. Allein an einem Tag im April 2023 wurden drei internationale Freiwillige während der Schlacht um Bakhmut getötet. Und auch die ukrainische antiautoritäre Szene selber bezahlte ihr Engagement bereits teuer. Anfang Februar 2024 fiel zum Beispiel mit Yura Lebedev eine für die Szene sehr wichtige Persönlichkeit. Als überzeugter Sozialist setzte sich der aus Kyiv stammende Rechtsanwalt jahrelang für die Rechte von Arbeitenden ein und engagierte sich außerdem als Aktivist gegen neoliberale Arbeitsgesetze.
Dennoch wollen sowohl die Freiwilligen im Krieg als auch ihre Unterstützungsorganisationen, neben dem Solidaritätskollektiv auch die Label „Operation Solidarity“ und „Good Night Imperial Pride“, ihr Engagement fortführen. Was hätten sie auch für eine Wahl, so die junge Frau aus Kyiv. Sollte Putin den Krieg gewinnen, drohen den ukrainischen Aktivisten wahrscheinlich ebenso jahrzehntelange Haftstrafen oder gar der Tod, wie Oppositionellen und Kriegsgegnern in Russland schon jetzt.
Exkurs: Die Antiautoritäre Szene in der Ukraine
Die antiautoritäre Szene in der Ukraine sieht sich übrigens in der Tradition der Machno-Bewegung. Die nach Nestor Machno benannte anarchistische Bauern- und Partisanenbewegung war 1917 bis 1922 in der Ostukraine aktiv. Dort kämpfte sie während des ersten Weltkrieges zunächst gegen die deutsche Besatzung und dann gegen die antikommunistische weiße Armee. Später wurde die Machno-Bewegung von den Bolschewiki zerschlagen.
Nach der Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion im Jahr 1991 wurden bei vielen sich neu politisierenden Menschen antiautoritär-anarchistische Themen, in Abgrenzung zum zunehmenden Nationalismus auf der einen Seite und dem als zu autoritär empfundenen Staatssozialismus sowjetischer Prägung andererseits, wieder populär.
Als Vorbild galt zunächst die westeuropäische Anarchoszene, insbesondere die in Berlin. Unter diesem Einfluss wurden beispielsweise in Kyiv Demonstrationen zum 8. März und zum 1.Mai durchgeführt, an denen sich bis zu 500 Menschen beteiligten.
Mit dem Aufkommen der internationalen No-Border-Bewegung, welche sich für Grenzlosigkeit und die Rechte von Geflüchteten einsetzte, wurde dann insbesondere Geflüchtetenarbeit ein wichtiges Themenfeld. Die Ukraine war damals ein wichtiger Durchgangspunkt für Geflüchtete Richtung EU. Insbesondere politisch Verfolgte aus Belarus und Russland wurden durch das Kyiver Anarchist-Black-Cross Netzwerk unterstützt. Im Jahre 2007 wurde gemeinsam mit russischen Antirassisten auch ein No Border Protestcamp in Uzhgorod (südwestliche Ukraine) durchgeführt. Etwa 300 Menschen aus 15 Ländern nahmen damals daran teil.
In den Jahren 2013/2014 beteiligte sich die antiautoritäre Szene der Ukraine auch am so genannten Euromaidan, dem massiven Protest gegen den Pro-Putin-Kurs der damaligen Regierung. Verbunden war damit die Hoffnung auf Etablierung „Europäischer Werte“, wie Geschlechtergleichheit und Minderheitenrechte, in der Ukraine. Einige Anarchisten halfen zunächst bei der Selbstorganisierung des Maidan, organisierten Proteste, Selbstverteidigung und Bildung, wurden später aber von der viel radikaler auftretenden extremen Rechten ins politische Abseits gedrängt.
Dennoch sieht die ukrainische antiautoritäre Szene den Euromaidan auch als Erfolg, weil sich das Volk dort selbst ermächtigt habe, sich für seine Zukunft einzusetzen und damit den damaligen Präsidenten ins russische Exil Zwang. Mit Empörung wurde hingegen das imperiale Vorgehen Russlands aufgenommen, die revolutionäre Situation auszunutzen, Teile der Ukraine zu besetzen und dort sein autoritäres Regime zu installieren.
Aufgrund des drohenden Verlustes zuvor erkämpfter Freiheiten formierte sich auch in der antiautoritären Szene Widerstand. Mehrfach wurde beispielsweise Aktionen gegen das brutale Vorgehen der prorussischen Separatistenregimes im Donbass sowie gegen russische Besatzungsinstitutionen auf der Krim durchgeführt.
Kurz nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges am 24. Februar 2022 gehörten Anarchisten darüber hinaus auch zu den ersten, welche sich den Territorialverteidigungskräften der Ukraine anschlossen.






























