Nordhausen: Neonazipartei inszenierte Bomben-Gedenken

2018.02.17 Nordhausen - Fackelmarsch III. Weg und Proteste (34)
Fackelmarsch des III. Weges durch Nordhausen

220 Neonazis bei Fackelmarsch des III. Weges / Einseitiges Weltkriegs-Gedenken / 300 protestierten gegen Geschichtsrevisionismus / Verbotsanträge gegen den III. Weg in Bayern

An einer Versammlung der neonazistischen Partei „Der dritte Weg“ (III.Weg) in Nordhausen (Thüringen) beteiligten sich am späten Samstagnachmittag ungefähr 220 Teilnehmende aus Bayern, Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Berlin sowie vereinzelt aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Die Veranstaltung begann zunächst als Kundgebung auf dem August-Bebel-Platz und formierte sich später zu einem Fackelmarsch. Zuvor und hatten 300 Menschen gegen Neonazis demonstriert. Die Gegenveranstaltung begann am Bahnhofsvorplatz. Dort kam es auch zu einer kurzen Konfrontation zwischen späteren Teilnehmenden der Veranstaltung des III. Weges und Neonazi-Gegnern. Die Polizei trennte die Lager. Bei den Neonazis, die am Bahnhofsvorplatz in Erscheinung traten, handelte es sich übrigens um ehemalige Funktionäre der Partei DIE RECHTE aus Thüringen. Deren thüringischer Landesverband soll sich vor kurzem aufgelöst haben.

Einseitiges Erinnern an Weltkriegsereignisse

Die Versammlung des dritten Weges wurde unter dem Motto: „Ein Licht für Dresden“ im Internet beworben und sollte vorgeblich die Luftangriffe auf deutsche Städte während des zweites Weltkrieges thematisieren. Die Veranstaltung ist als Kampagne konzipiert und soll einmal jährlich in wechselnden, während des Krieges bombardierten Städten durchgeführt werden. Im Vergangenen Jahr war beispielsweise Würzburg der gewählte Veranstaltungsort des III. Weges. Ebenso wie die fränkische Großstadt dürfte Nordhausen wegen mehrerer Bombardierungen während des Zweiten Weltkrieges in den Fokus der Neonazis geraten sein. Insbesondere der schwere Luftangriff von Anfang April 1945 mit geschätzten 8.800 Getöteten könnte hier eine Rolle gespielt haben. Derartige historische Ereignisse wurden in den letzten Jahrzehnten immer wieder von der extrem Rechten und von Neonazis für geschichtsrevisionistische Versammlungen genutzt. Initialzündung für die bundesweiten, kampagnenartigen Aktivitäten des extrem rechten und des neonazistischen Milieus waren die großen „Trauermärsche“ in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden. Dort marschierten zeitweise bis zu 7.000 Neonazis aus ganz Europa auf, um an die Luftangriffe auf die Dresdener Innenstadt im Februar 1945 zu Gedenken. Ähnlich wie dort, stand am späten Nachmittag in Nordhausen ausschließlich die einseitige Erinnerung an die Luftkriegstoten im Fokus der neonazistischen Versammlung. Über die Ursachen des Zweiten Weltkrieges und das Wirken der NS Diktatur wurde hingegen kein Wort verloren. Ein klares Signal der veranstaltenden Neonazis, denn im Stadtgebiet von Nordhausen betrieben die Nationalsozialisten von 1943 bis 1945 immerhin das Konzentrationslager Dora-Mittelbau. Mehr als 60.000 Häftlinge waren darin inhaftiert und mussten für die NS-Rüstungsproduktion Zwangsarbeit leisten. Mindestens 20.000 Inhaftierte starben dabei.

Töne der Toleranz gegen Geschichtsrevisionismus

Unter dem Label „Bündnis gegen Rechtsextremismus Nordhausen“ wurde deshalb ab 14.00 Uhr unter dem Motto: „Töne der Toleranz“ gegen rassistische, geschichtsrevisionistische und faschistische Ideologien demonstriert.

Die als Gegendemonstration zur Versammlung des III. Weges konzipierte Veranstaltung startete gegen 15.00 Uhr am Bahnhof Nordhausen und führte bis zum Sammlungsort der Neonazis am August-Bebel-Platz. Dabei wurde lautstark und in Hör- und Sichtweite zur neonazistischen Kundgebung protestiert.

Wie die thüringische Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss (Die Linke) später twitterte, soll es auch zu Blockaden gegen den Neonazi-Aufmarsch gekommen sein. Die Polizei sei daraufhin mit Pfefferspray und Schlagstöcken gegen die Blockierenden vorgegangen sein.

Diskussion über das Verbot des III. Weges

Allerdings scheinen auch die Aktivitäten des III. Weges, dessen Fackelmarsch in Nordhausen bereits im Vorfeld auf der parteieigenen Internetseite als „nationalrevolutionäre Heerschau“ bezeichnet wurde, inzwischen die Sicherheitsbehörden zu beschäftigen.

In Bayern wurden, gemäß Bayrischem Rundfunk, Anfang Februar 2018 zwei Anträge in den Verfassungsausschuss des dortigen Landtages eingebracht, die sich mit dem Verbot der Organisation beschäftigen. Allerdings weichen beide von einander ab.

Während die CSU zunächst einmal geklärt haben möchte ob es sich beim III. Weg überhaupt um eine Partei oder nur um eine Vereinigung handelt, wollen die GRÜNEN das Verbot auf jeden Fall. Beide Anträge wurden vom bayrischen Verfassungsausschuss inzwischen angenommen.

Der III. Weg gilt als Nachfolge- bzw. Auffangorganisation des in Bayern im Jahr 2013 verbotenen „Freien Netzes Süd“. Die Organisation tritt jedoch seit ihrer Gründung als bundesweit organisierte Partei auf und hat mittlerweile Strukturen in Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Berlin,  Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Fotos (124) hier: 

2018.02.17 Nordhausen - Fackelmarsch III. Weg und Proteste (120)
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Rathenow: Dresden-Gedenken des extrem rechten Bürgerbündnisses

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Am Dienstagabend veranstaltete die extrem rechte Vereinigung „Bürgerbündnis Havelland“ erneut eine Kundgebung auf dem Märkischen Platz in Rathenow. 20 Teilnehmende waren dazu erschienen, darunter auch der Vorsitzende des Vereins, Christian Kaiser, der Zurzeit auch für das Bürgermeisteramt der Stadt Rathenow kandidiert.

Entgegen des offiziellen Mottos: „Neuwahlen?“ stand während der Versammlung vor allem aber das deutlich geschichtsrevisionistisch geprägte Gedenken an den alliierten Bombenangriff auf die Stadt Dresden am 13. Februar 1945 im Fokus des Veranstaltungsgeschehens. Mit einer Schweigeminute wurden die ersten beiden Redebeiträge eingeleitet.

Anschließend sprach die Berlinerin Elke Metzner in ihrer Rede von 500.000 Toten in Dresden (historisch belegte Zahl: 25.000), ohne jedoch dabei auf Details eingehen zu wollen. Dies übernahm dann der ehemaligen Kassenwart des Bürgerbündnisses, Wolfgang Hoppe, der die Anzahl der Getöteten, unter Berufung auf fragwürdige Quellen im Internet, zunächst erst einmal verdoppelte. Ernsthaft sprach dieser, übrigens in typischen NPD-Jargon, von einer realistischen Zahl von (Zitat) „über eine Millionen Opfern des Bombenholocausts der Alliierten an den Deutschen in Dresden“ und förderte einmal mehr diverse verschwörungstheoretische Mythen zu Tage, die längst als historisch widerlegt gelten. Eine von Hoppes Quellen war übrigens der britische Geschichtsrevisionist und Holocaustleugner David Irving.

Erst in der letzten Rede wurde das eigentliche Versammlungsthema, bei der es um tagespolitische Themen und mögliche Neuwahlen ging, tangiert. Diesen Redebeitrag hielt Anmelder Ralf Maasch. Christian Kaiser hielt keine Rede, stellte aber die Technik für die Versammlung zur Verfügung.

Fotos:

2018.02.13 Rathenow Buergerbuendnis Havelland  (1)

Neuruppin: Vorbild Cottbus – NPD führte ausländerfeindliche Kundgebung durch

2018.02.09 Neuruppin - NPD Mahnwache (11)
NPD Kundgebung am 9. Februar 2018 in Neuruppin

Ausländerfeindliche Mahnwache mit 45 Teilnehmenden am Freitagabend / NPD und Freie Kräfte mobilisierten / NPD Stadtrat verteilte wenige Tage zuvor KO-Spray

Am Freitagabend versammelten sich 45 Sympathisierende der NPD am Ruppiner Einkaufszentrum (REIZ) in der Bruno-Salvat-Straße in Neuruppin. Bei den größtenteils angereisten Teilnehmenden handelte es sich überwiegend um bekannte Neonazis aus den Landkreisen Ostprignitz-Ruppin, Havelland und Prignitz. Sie forderten auf Bannern u.a. „Kriminelle Ausländer und Scheinasylanten raus“. Es wurden Redebeiträge, davon einer durch NPD Stadtrat Dave Trick, gehalten. Proteste gegen die Veranstaltung gab es keine. Die Polizei war mit mehreren Einsatzkräften vor Ort.

NPD und Freie Kräfte träumten von einem zweiten Cottbus

Zu der Versammlung am Freitagabend hatten u.a. der NPD Ortsbereich Neuruppin sowie die Freien Kräfte Neuruppin-Osthavelland unter dem Motto „Kriminelle Ausländer und Scheinasylanten raus“ in sozialen Netzwerken aufgerufen. Anlass für die Veranstaltung seien angeblich „anhaltende Übergriffe von Asylanten“ gewesen. Damit wurde auch gleich der Bezugspunkt zu anscheinend ähnlichen Konflikten in Cottbus hergestellt. Die südbrandenburgischen Großstadt war in den letzten Wochen verstärkt in medialen Fokus geraten, weil es dort wiederholt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Geflüchteten gekommen war. Einerseits wurden afghanische Asylsuchende von deutschen Rassisten bis in ihre Unterkunft verfolgt und verprügelt, andererseits einzelne Deutsche von Syrern mit Aufenthaltserlaubnis attackiert. Allerdings wird das mediale Bild zur Sicherheitslage in der Stadt vor allem stark durch die asylfeindlichen Aufzüge aus dem extrem rechten Spektrum geprägt. So versammelte der seit 2015 aktive Verein „Zukunft Heimat“ aus Golßen (Landkreis Dahme-Spreewald) in den letzten Wochen mehrfach zwischen 1.500 und 3.000 Asylfeinde in Cottbus, die gegen Geflüchtete und andere missliebige Menschen Stimmung machten. Gesellschaftliche Anteilnahme am Schicksal der Geflüchteten scheint dagegen an diesem Ort eher eine Minoritätsposition zu sein. Aus dem medialen Fokus betrachtet, zwingt sich der Eindruck einer rechten Dominanz in der gesellschaftspolitischen Landschaft der Oberlausitz auf. „Cottbus macht es uns gerade eindrucksvoll vor“, schwärmte die NPD daraufhin neidvoll in ihrem Aufruf zur Veranstaltung am Freitagabend in Neuruppin. Doch die Träume von „regelmäßig(en) Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern in Brandenburg“ blieben vorerst ein lokales Phänomen des Brandenburger Südens. Der Neuruppiner NPD Ortsbereich und dessen Unterstützende aus den Freien Kräfte Neuruppin sowie den Freien Kräften Prignitz blieben am Freitagabend weitgehend unter sich.

NPD Stadtrat verteilte KO-Spray

Bereits in der vergangenen Woche hatte sich die NPD, eigenen Angaben zu Folge, vor dem REIZ positioniert und „Tierabwehrspray“ verteilt. Angeblich sei der Bereich ein Ort „massiver Ausländergewalt“. Auf selbsteingestellten Fotos der NPD in einem sozialen Netzwerk ist deren umstrittener Stadtrat Dave Trick mit einer Dose KO-Spray und Flugblättern vor dem REIZ zu sehen. Ein Sprecher der Polizei zweifelte die Aktion gegenüber der Märkischen Online Zeitung jedoch an. Es gäbe diesen „Facebook-Post“, aber „ob es wirklich passiert ist“ sei „unklar“. Eine Versammlungsanmeldung zu der Verteilaktion lag der Polizei jedenfalls – offensichtlich – nicht vor. Die Nichtanmeldung einer Versammlung und das Tragen von Schutzwaffen auf Versammlungen wären allerdings Vergehen gegen das Versammlungsgesetz.

Gegen den umstrittenen NPD Stadtverordneten Dave Trick wird im Übrigen seit Jahren wegen eines gewalttätigen Übergriffs auf einen Wahlhelfer der Linkspartei im Jahr 2014 prozessiert. Nach einem erstinstanzlichen Schuldspruch gegen den Stadtrat folgte allerdings ein zweitinstanzlicher Freispruch. Dieser wurde aber im Juni 2017 wieder durch das Brandenburger Oberlandesgericht kassiert und der Sachverhalt zur Neuverhandlung angesetzt. Laut Informationen der Märkischen Allgemeinen Zeitung soll die Verhandlung gegen Trick vor dem Landgericht Neuruppin Anfang März 2018 stattfinden.

weitere Fotos (18) hier:

2018.02.09 Neuruppin - NPD Mahnwache (1)

 

Rathenow: Vom Bürgerbündnis zum Bürgermeister ?

Extrem rechtes Bürgerbündnis Havelland will ins Rathenower Rathaus. Vereinsvorsitzender Christian Kaiser kandidiert am 25. Februar 2018 fürs Bürgermeisteramt. Wahlkampf startete am Wochenende.

Seit mehr als zwei Jahren gehört das asylfeindliche Bürgerbündnis Havelland nunmehr zum Stadtbild von Rathenow. Regelmäßige Versammlungen mit klaren Positionierungen gegen Islam und Geflüchtete haben die extrem rechte Vereinigung um ihren Vorsitzenden Christian Kaiser bekannt gemacht. Bis zu 800 Menschen unterstützten im Winter 2015/2016 zeitweise die Forderungen des Bürgerbündnisses und dessen populistischen Aufzüge. Eine Erfolgswelle auf die Vorsitzender Kaiser als jetziger Bürgermeisterkandidat für die Wahl am 25. Februar 2018 möglicherweise noch heute hofft. Doch die Zeiten haben sich geändert. Statt 800 folgen dem Kaiser in der Öffentlichkeit weniger als 20 Personen, die zudem nach fast jeder Versammlung dem Gespött in den sozialen Medien ausgesetzt sind.

Kaiser kandidiert

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Wahlplakate für Christian Kaiser in Rathenow

Doch so komödiantisch es aussehen mag, wenn die letzten 15 verlorenen Seelen am Märkischen Platz alle zwei Wochen Dampf über Politik, Islam und Geflüchtete Dampf ablassen, so deutlicher wirkt die Etablierung extrem rechter Denkmuster im gesellschaftspolitischen Alltag der Kleinstadt Rathenow. Kaisers Bürgerbündnis wirkte dabei lange sowohl als Schnittstelle, als auch als Verstärker. Es konnte zu seiner Spitzenzeit problemlos an bestehende Ressentiments in der Bevölkerung anknüpfen, diese unter einen gemeinsamen Willen vereinigen und diese in die Alltagssprache einfließen lassen. Später verlor das rechte Bürgerbündnis als Straßenbewegung, ohne Einfluss auf die große Politik, aber zu Gunsten der parlamentarischen Rechten schnell an Bedeutung.

So erreichte die AfD beispielsweise bei der letzten Bundestagswahl in Rathenow einen Stimmenanteil von durchschnittlich  19,3 % (zum Vergleich: die NPD lag in den vergangenen Jahren bei um die 5,0 %). Die blaue Rechte ist mittlerweile auch mit einem informellen Ortsverband in der Stadt vertreten, der regelmäßig Stammtische durchführt; hat aber auf die Aufstellung eines eigenen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl verzichtet.

Stattdessen bewirbt sich Christian Kaiser nun als angeblich „parteiloser“ Kandidat für das Bürgermeisteramt. In den letzten zwei Jahren war er jedoch auch immer wieder bei Versammlungen der AfD zu sehen. Im Dezember 2017 beteiligte sich Kaiser zudem an einer Kundgebung der NPD in Berlin-Charlottenburg.

Allerdings dürfte dies für seine Wählerschaft weniger skandalös als denn eher förderlich erscheinen. Denn die Zustimmung für den Kaiser und seine ausländerfeindlichen Thesen, die er in den letzten Monaten im Rahmen seiner Versammlungen verbreitete, ist in Rathenow weit größer als der schmale Sympathisierendenkreis bei den regelmäßigen Versammlungen auf dem Märkischen Platz erkennen lässt. So stimmten dann auch mehr als 60 Rathenower für seine Nominierung als Bürgermeisterkandidat.

Um in Rathenow als Kandidat für die Bürgermeisterwahl zugelassen zu werden sind für Einzelbewerber mindestens 56 Unterschriften von Unterstützenden erforderlich. Zusätzlich müssen diese Unterschriften auf Listen geleistet werden, die ausschließlich in der Stadtverwaltung ausliegen.

Wie Augenzeugen berichteten, hatte der Vorsitzende des Bürgerbündnisses jedoch Unterstützung von Sympathisierenden. Diese hatten sich regelmäßig in der Nähe der im selben Haus untergebrachten Büros für die Bearbeitung von Anträgen von Arbeitslosengeld-II-Empfangenden postiert und davor wartende Menschen aufgerufen für den Kaiser zu unterschreiben.

Populistischer Wahlkampf

2018.01.13 Rathenow - Wahlplakate Christian Kaiser (4)
Kaiser polarisiert im Rahmen seines Vereins „Bürgerbündnis Havelland“ seit mehr als zwei Jahren gegen den Islam. Dies wird auch im Wahlkampf deutlich.

Inzwischen hängen die ersten Plakate mit dem Konterfei von Christian Kaiser im Stadtgebiet, vor allem entlang der Bundestraße 102 und am Schwedendamm. Daraufhin enthalten sind typische populistische Forderungen, wie der Ruf nach mehr Volksentscheidungen und nach mehr direkter Demokratie, der Aufforderung Familien & Vereine zu fördern oder vermeintlichen Verwaltungsfilz & Seilschaften zu durchtrennen. Ein Plakat mit der Aufschrift „Sicherheit & Ordnung stärken“  wurde, möglicherweise nicht ganz zufällig, in unmittelbarer Nähe eines Geschäfts mit arabischen Haushaltswaren aufgehängt. Schließlich kämpft Kaisers Verein von Beginn an gegen die vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“.

„Sicherheit & Ordnung“ scheint aber nicht immer der eigene Anspruch des Kaisers zu sein. Eine spontane Demonstration in Dallgow-Döberitz im Juni 2016 soll ebenso polizeiliche Ermittlungen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz gegen ihn nachsichgezogen haben, wie eine unangemeldete Demonstration im Dezember 2016 in Rathenow. Darüber hinaus gab es gegen den Kaiser mindestens zwei zivilrechtliche Unterlassungsforderungen, aufgrund von Verstößen gegen das Urhebergesetz. Das Bürgerbündnis Havelland mit Kaiser als Verantwortlichen soll unberechtigt mehrere Fotografien eines Journalisten genutzt haben. In einem Fall wird dabei demnächst das Urteil des Amtsgerichtes Potsdam erwartet, in dem anderen Fall kam es nach Bezahlung eines vierstelligen Geldbetrages zu einer außergerichtlichen Einigung.

Neben den Wahlplakaten hat der Kaiser für seinen Wahlkampf auch die Internetseite  „Buergermeisterfuerrathenow“ freigeschaltet. Diese ist auf den Kandidaten registriert und seit dem 28. Dezember 2017 online. Die Webside scheint aber noch im Aufbau zu sein und sorgt so unfreiwillig für Komik. In der Rubrik „Über mich“ heißt es etwa: „Meine Firma ist eine politische Partei und tritt für die Grundsätze der politischen und wirtschaftlichen Souveränität von Deutschland, die Gleichheit aller Bürger sowie für die Grundrechte und Freiheiten des Einzelnen ein“ (1.).  Erst recht wunderlich wirkt dieser Satz aber, wenn der Kandidat, der  mit solchen Slogans wirbt, dafür bekannt ist die Bundesrepublik als „GmbH“ anzufeinden.

Über sich selbst hält der Bürgermeisterkandidat Kaiser übrigens nur sehr dünne Informationen bereit. Im Lebenslauf war bis Redaktionsschluss so beispielsweise nur das Datum seiner Geburt vermerkt. (2.)

Immerhin nennt der Kaiser einige Ziele, die er in Stichpunkten untereinander gereiht hat. Sie tangieren vor allem lokalen Themen, wie Positionierungen zu Kindereinrichtungen, zur Verwaltung sowie zu Verkehrsfragen. Eine wirklich große Vision für Rathenow in den nächsten acht Jahren oder gar ein Umsetzungskonzept inkl. Finanzierungsplan ist jedoch augenscheinlich nicht erkennbar. Die Forderungen des Kandidaten wirken eher kleinbürgerlich.

Statt Visionen füllen dann auch eher Fotos von Gebäuden und Plätzen in Rathenow im Postkastenstil die Webside des Kaisers. Das muss für seine Kandidatur nicht unbedingt schädlich sein. In frühen Zeiten gab es in Deutschland  ja schon einmal einen kleinbürgerlichen Maler der zunächst Postkartenansichten gestaltete und später dann doch noch Kanzler wurde.

Alles Fotos von Wahlplakaten auf Flickr:

2018.01.13 Rathenow - Wahlplakate Christian Kaiser (4)

 

(1.) Screenshot von buergermeisterfuerrathenow.de/ueber-mich (13.01.2018) bei folgen des Hyperlinks

(2.) Screenshot von buergermeisterfuerrathenow.de/lebenslauf/lebenslauf (13.01.2018) bei folgen des Hyperlinks

Hinweis: Text wurde am 17.01.2018 aktualisiert.

Rathenow: Aufzug des extrem rechten Bürgerbündnisses anlässlich des zweijährigen Bestehens

Titel

Anlässlich seines zweijährigen Bestehens versammelten sich das extrem rechte „Bürgerbündnis Havelland“ sowie ähnlich gesinnte Gruppierungen am Samstagnachmittag in Rathenow.  Die angemeldete Veranstaltung begann um 14.00 Uhr auf dem Dunckerplatz, vor dem Hauptbahnhof.

Insgesamt waren ungefähr 50 Personen, davon allerdings ledig zehn bis 15 aus dem Landkreis Havelland. Die meisten Versammlungsteilnehmenden reisten hingegen aus anderen Bundesländern an. Eigenen Angaben zufolge waren diese vor allem aus den Bundesländern Berlin, Sachsen-Anhalt und Thüringen zugereist. Vereinzelt sollen aber auch Personen aus Hamburg und Sachsen angereist sein. Die Teilnehmenden bekannten sich vor allem zu PEGIDA-ähnlichen Gruppen, Einzelpersonen bekannten sich aber auch zu ihrer AfD- und NPD-Mitgliedschaft.

Nach einer kurzen Eröffnungsrede formierte sich die zunächst stationäre Kundgebung zu einem Aufzug und zog über den Friedrich-Ebert-Ring und die Berliner Straße zum Märkischen Platz. Beim Vorbeiziehen der Demonstrierenden an der Lokalredaktion der MAZ wurde lautstark „Lügenpresse“ skandiert.

An schließend fand auf dem Märkischen Platz die zentrale Kundgebung des „Bürgerbündnisses“ statt, bei der u.a. der Vereinsvorsitzende, eine Rednerin aus Berlin und eine Rednerin aus Wien (Österreich) zu Wort kamen. Die Reden bewegten sich im üblichen Niveau und boten keine neuen Erkenntnisse.

Zu nennenswerten Störungen während des Versammlungsablaufes kam es nicht. Vor Beginn der Veranstaltung wurde allerdings eine weibliche Person, nach dem Zeigen der „Reichskriegsflagge“ (1871 bis 1918), von Polizei kontrolliert und das Winkelement mutmaßlich eingezogen. Die Fahne gilt in Brandenburg als „Störung der öffentlichen Ordnung“. Das Zeigen der „Reichskriegsflagge“ in der Öffentlichkeit ist eine Ordnungswidrigkeit.

Weitere Fotos bei Flickr:

2017.11.18 Rathenow Aufzug 2 Jahre Buergerbuendnis Havelland (12)

 

Rathenow: Randnotizen zum Viertelfinale des Fußballlandespokals

Es war ein äußerst robustes Pokalspiel, das der SV Babelsberg 03 gestern Nachmittag auswärts in Rathenow bestritt. Vier gelbe Karten und eine Rote sammelte allein der Regionallist aus Alt Nowawes. Oberligist Optik wurden hingegen nur mit zwei Gelben verwarnt, verlor dafür aber – in Unterzahl – das Spiel mit 0:1. Der Titel „Sieger der Herzen“ scheint jedoch für den Heimverein, trotz recht überzeugender Leistung seiner Spieler, jedoch dennoch unangemessen.  Zwar zeigte sich der FSV, der zurzeit immerhin Tabellenführer der NOFV Oberliga-Nord ist und sich mit der im Bau befindlichen Flutlichtanlage gerade Regionalliga tauglich macht, von einer bewundernswert  spielstarken Seite,  einige seiner Fans aber eben einmal mehr von der Niveaulosten.

Optik-Ultras gewohnt niveaulos

2017.11.11 Rathenow Optik Ultras homophobe Geste 1vl
Pöbelner Optik Fan (1.v.l) mit mutmaßlich homophober Geste

Immer wieder kam es zu lautstarken sexistischen Pöbeleien, mutmaßlich homophoben Gesten und rechten Parolen aus dem zwanzigköpfigen Anhang der Optik-Ultras in Richtung Gästeblock. Einzelne Babelsberger Fans wollen zudem auch antisemitische Fangesänge einzelner Heimfans gehört haben.

Babelsberger Fans gegen „Nazischweine“

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Babelsberger Fanszene mit gewohnt deutlichem Bekenntnis gegen Neonazis

Das Babelsberg derartigen Tendenzen mit einer klar antifaschistische Position entgegentritt, wurde ebenfalls sichtbar. An ihrem Block hatten die Gästefans recht zentral ein Transparent mit der Aufschrift: „Egal welche Liga, egal welcher Verband – Raus mit dem jedem Nazischwein“ angebracht. Die aus neutralem Blickwinkel recht polemisch wirkende Formulierung spielte dabei offensichtlich auf ein Urteil des NOFV an, demnach der SV Babelsberg 03 im Zusammenhang mit Ausschreitungen  bei einem Heimspiel gegen den FC Energie Cottbus für das Verhalten seiner Fans bestraft wurde. Die Babelsberger Ultras hatten die Cottbusser Gästefans, nach mehrfachen Hitlergrüßen und dem skandieren von neonazistischen Parolen im Gästeblock, als „Nazischweine“ bezeichnet.

Optik-Anhang: Auffällige Einzelpersonen, aber keine organisierte Szene

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Auf der Suche nach Streit: Optik-Ultras provozieren am Gästeblock, unter ihnen ein ehemaliger aktiver Sympathisant der „Nationalen Sozialisten Premnitz“ (1.v.r)

Derart gravierende Probleme wie der FC Energie Cottbus hat der FSV Optik freilich nicht. Einzige auffällige Gruppe sind die so genannten Optik Ultras, die zumindest immer wieder durch menschenfeindliche Pöbeleien auffallen und damit das zivilgesellschaftliche Engagement des FSV Optik, beispielsweise bei der Integration von Geflüchteten, konterkarieren. Organisierte Neonazistrukturen, wie in Cottbus, sind in der Rathenower Fanszene jedoch bisher nicht erkennbar. Eine Person aus dem Ultraanhang des FSV war jedoch bis vor wenigen Jahren ein aktiver Sympathisant der „Nationalen Sozialisten Premnitz“ und beteiligte sich in den Jahren 2007 bis 2008 an mehreren Neonaziaufmärschen im Land Brandenburg. Dieser Mann gehörte auch zu den Pöbelnden, welche nach Abpfiff des gestrigen Pokalspiels die Auseinandersetzung mit Fans des SVB suchten.

Braune Groundhopper

2010.10.09 Brandenburg an der Havel Stahl vs SVB Ingewahrsamnahme Christian G
Ingewahrsamnahme von Christian G. während eines Pokalspiels zwischen dem FC Stahl Brandenburg und dem SV Babelsberg 03, am 9. Oktober 2010
2017.11.11 Rathenow FSV vs SVB Christian G und ehemalige HV Leute
Christian G. (2.v.r) mit Mitglieder der verbotenen Kamerdaschaft „Hauptvolk“, während des Pokalspiels zwischen dem FSV Optik Rathenow und dem SV Babelsberg 03 am 11. November 2017

Deutlich unauffälliger, jedoch dennoch bemerkenswert verhielten sich einige „neutrale“ Stadionbesucher, die in der VIP Lounge gastierten. Dabei handelte es sich u.a. um zwei bekannte rechtsorientierte Hooligans des FC Stahl Brandenburg. Das Bemerkenswerte: beide waren an Auseinandersetzungen mit Fans des SV Babelsberg 03 bei einem Pokalspiel ihres Vereins gegen die Nowaweser Kiezkicker im Jahr 2010 auf dem Brandenburger Quenz beteiligt. Einer der Beiden, Christian G., wurde dabei noch im Stahl-Stadion in Gewahrsam genommen, der Andere soll einen Babelsberger an einer Straßenbahnhaltestelle geschlagen haben. Bemerkenswert ist ebenfalls mit wem sich die beiden Stahl Anhänger in der VIP Lounge trafen. Dabei handelte es sich um fünf Personen der im Jahr 2005 verbotenen Kameradschaft „Hauptvolk“ (HV), darunter auch ehemalige Köpfe dieser Vereinigung. Diese  Fünf gelten ebenso als gewaltbereit, mussten sich in den 1990er und 2000er Jahren wegen verschiedener Roheitsdelikte, allerdings außerhalb des Fußballs, vor Gericht verantworten. Ihre Verbindung zum Fußball besteht in der Anhängerschaft zum BFC Dynamo. Dort war allerdings aber mindestens einer der Fünf bereits auffällig, als dieser sich während eines Spiels gegen den Lokalrivalen 1. FC Union Berlin im Jahr 2006 an einem Platzsturm von Hooligans beteiligte. Während des Spiels zwischen Optik und Babelsberg traten jedoch weder die beiden Stahl Anhänger als auch die fünf BFCer/ex-HVer  in Erscheinung.

Rheinsberg: Tanzdemo gegen Neonazikundgebung

2017.10.03 Rheinsberg Tanzdemo gegen Neonazikundgebung (1)

Veranstaltungen im Rheinsberger Stadtkern. NPD und Freie Kräfte versammelten sich zum „Tag der deutschen Einheit“. Zivilgesellschaft tanzte dagegen an.

Gegen eine angemeldete Versammlung von 25 Neonazis in Rheinsberg (Landkreis Ostprignitz-Ruppin) demonstrierten am frühen Dienstagnachmittag etwa 130 Menschen. Vom Kirchplatz aus zogen die lautstark auftretenden Protestierenden dabei dreimal in Hör- und Sichtweite an den Teilnehmenden der Neonaziveranstaltung vorbei. Die Kundgebung der Neonazis blieb hingegen stationär und wurde gegen 14.30 Uhr vorzeitig beendet.

Neonazis versammelten sich zum „Einheitsfeiertag“

2017.10.03 Rheinsberg Tanzdemo gegen Neonazikundgebung (13)
Statement der „Freien Kräfte“ zum „Tag der deutschen Einheit“

Gemäß Anmeldung sollte die Neonaziversammlung, laut einem Vorbericht der Märkischen Allgemeinen, ursprünglich von 13.30 bis 15.30 Uhr stattfinden.

Die Teilnehmendenanzahl entsprach jedoch der angemeldeten Personenzahl. 25 Personen wurden erwartet, genauso viele kamen. Die meisten waren allerdings aus anderen Teilen des Landkreises Ostprignitz-Ruppin sowie aus dem Havelland und Oberhavel zugereist.

Als teilnehmende Organisationen gaben sich die NPD und deren Jugendverband „Junge Nationaldemokraten“ (JN) zu erkennen. Der Neuruppiner „Nationaldemokrat“ und Stadtverordnete Dave Trick übernahm zudem versammlungsleitende Aufgaben und hielt einen Redebeitrag. Weitere Reden wurden durch zwei Personen, die, wie Trick, sowohl eine enge Verbindung zur NPD haben, als auch den „Freien Kräften Neuruppin-Osthavelland“ zugehörig sein sollen, gehalten.

Die Neonaziversammlung wurde im Vorfeld im Internet unter dem Motto: „Äußerlich teilwiedervereint, innerlich zersetzt und entwurzelt“ beworben. Die Bewerbung erfolgte hauptsächlich auf den Socialmedia-Seiten der „Freien Kräften Neuruppin-Osthavelland“ und der „Freien Kräfte Prignitz“.

Offizieller Anlass der neonazistischen Versammlung war der „Tag der deutschen Einheit“. Auf einem Banner und in den Redebeiträgen wurde aber immer wieder Stimmung gegen Ausländer und Geflüchtete gemacht.

Zivilgesellschaft protestierte mit Tanzdemo

2017.10.03 Rheinsberg Tanzdemo gegen Neonazikundgebung (22)
Protest gegen Neonazikundgebung: Tanzdemo in der Mühlenstraße

Der Anmelder der Gegenkundgebung, der Kreistagsabgeordnete Freke Over (DIE.LINKE), ließ sich durch die asylfeindlichen Parolen der Neonazis jedoch nicht beirren. In Rheinsberg seien, seiner Meinung nach, in früheren Zeiten bereits die Hugenotten, Sachsen und Berliner integriert worden, dass werde mit den Geflüchteten auch gelingen.

Over hatte die Protestveranstaltung unter dem Motto: „Schöner tanzen ohne Nazis“ bereits in der vergangenen Woche organisiert. 70 Personen hatte er angemeldet und mit mindestens 25 gerechnet. Gekommen waren dann aber ungefähr 130 Menschen aus dem gesamten Landkreis Ostprignitz-Ruppin, die sich zunächst auf dem Kirchplatz versammelten.

Nach ein paar einleitenden Worten durch Freke Over und Rheinsbergs amtierenden Bürgermeister Jan-Pieter Rau (CDU) begaben sich die Versammlungsteilnehmenden auf die Schloßstraße und zogen über Markt und Mühlenstraße, tanzend und laut an den Neonazis vorbei.

Neben der LINKEN gaben sich dabei auch die zivilgesellschaftlichen Initiativen „Rheinsberg zeigt Gesicht“ und „Wittstock bekennt Farbe“ sowie die sozialistische Jugendorganisation „Die Falken“ deutlich zu erkennen.

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2017.10.03 Rheinsberg Tanzdemo gegen Neonazikundgebung (1)

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